«Wir sind fast eine Familie»

Oberst Claude Eichenberger über den Alltag bei der Swisscoy und seine Rolle als Befehlshaber.

Anina Rütsche
Drucken
Oberst Claude Eichenberger Nationaler Schweizer Befehlshaber, 34. Kontingent

Oberst Claude Eichenberger Nationaler Schweizer Befehlshaber, 34. Kontingent

Herr Eichenberger, seit Mitte April und noch bis Mitte Oktober sind Sie Nationaler Schweizer Befehlshaber des 34. Kontingents in Kosovo. Welche Eigenschaften muss man mitbringen, um in die Swisscoy aufgenommen zu werden?

Claude Eichenberger: Motivation ist am allerwichtigsten! Darauf baut alles auf, was wir im Einsatz machen. Weiter gehört es zu den Voraussetzungen, anpassungsfähig und umgänglich zu sein. Man muss auch bereit sein, sich auf unregelmässige Arbeitszeiten und eingeschränkte Freiräume einzustellen. Bei der Swisscoy sind viele verschiedene Berufsgruppen willkommen, sowohl handwerklich tätige als auch solche aus dem Dienstleistungsbereich. Im Gegensatz zu den Kontingenten der anderen Länder mit ihren Berufsarmeen verfügen wir über eine Milizarmee. Es ist eine Stärke der Schweizer Armee, dass sie grösstenteils aus Soldaten und Offizieren besteht, die einen zivilen Beruf haben. Dieses breit gefächerte Wissen und Können fliesst auch in die Arbeit in Kosovo ein. Übrigens können Frauen wie Männer auch dann der Swisscoy beitreten, wenn sie keine Rekrutenschule absolviert haben.

Die Mitglieder der Kontingente verbringen jeweils sechs Monate in Kosovo, weit weg von der Schweiz. Welchen Umgang mit der Distanz empfehlen Sie ihnen?

Eichenberger: Ein halbes Jahr ist nicht allzu lang. Die Zeit vergeht sehr schnell, wenn man viel zu tun hat. Dennoch rate ich allen Swisscoy-Angehörigen, vor der Abreise alles zu überdenken und zu regeln. Man soll sich rechtzeitig fragen: Was bedeutet meine Abwesenheit für die Partnerin, den Partner, die Kinder, die Familie, die Freunde? Auf keinen Fall soll man sich bei der Swisscoy melden, um vor allfälligen Schwierigkeiten in der Schweiz zu flüchten. Diese werden einen nämlich umso schlimmer einholen, wenn man zurückkehrt.

Welchen Kontakt pflegen Sie als Befehlshaber zu den Ihnen unterstellten Männern und Frauen?

Eichenberger: Ich tausche mich regelmässig persönlich mit ihnen aus. Um zu sehen, was die Teams im Alltag in den Dörfern und Camps leisten, habe ich sie jeweils einen Tag lang bei ihrer Arbeit begleitet. Nun kennen wir einander besser als zuvor, was vieles erleichtert und das gegenseitige Verständnis fördert.

Dennoch sind Sie derjenige, der Entscheidungen fällt und Befehle gibt. Wie erleben Sie diese Rolle, in der Sie viel Verantwortung tragen?

Eichenberger: Verankerte Ziele und klare Weisungen gehören zur Armee, also auch zur Swisscoy. Mein Motto ist: «Der Ton macht die Musik.» Damit bin ich bisher gut gefahren. In meiner Rolle bin ich aber nicht bloss Chef, sondern auch Erzieher, zumindest teilweise. Ich kenne das von daheim, ich habe nämlich drei Töchter (lacht). Zusammenfassend kann ich sagen: Im 34. Kontingent sind wir mittlerweile fast eine Familie. Und ich habe die Ehre, der Vater zu sein.