Wenn Füsse den Durch- blick haben

Und jedesmal dieser Moment: Man kommt in die Wohnung eines Interviewpartners, zieht die Schuhe aus, stellt sie ordentlich hin und betritt erst dann die gute Stube. Es soll Leute geben, die ständig in Socken herumlaufen – daheim, zu Besuch bei Freunden, Verwandten oder Fremden.

Anina Rütsche
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Anina Rütsche Redaktorin (Bild: Urs Bucher)

Anina Rütsche Redaktorin (Bild: Urs Bucher)

Und jedesmal dieser Moment: Man kommt in die Wohnung eines Interviewpartners, zieht die Schuhe aus, stellt sie ordentlich hin und betritt erst dann die gute Stube. Es soll Leute geben, die ständig in Socken herumlaufen – daheim, zu Besuch bei Freunden, Verwandten oder Fremden. Ich selbst teile diese Vorliebe nicht. Zu oft habe ich Brösmeli von meinen bewollten Sohlen weggeklaubt, zu häufig bemerkte ich zu spät, dass in einer Socke ein Loch klaffte. Und ja, letzteres ist mir peinlich. Das Dilemma lässt sich auch nicht mit Birkenstockfinken oder Adiletten umgehen. Deshalb kaufe ich seit Antritt meiner Journalistenstelle regelmässig neue Socken. Und zwar schwarze, immer das gleiche Modell, eine besonders robuste Sorte. Bevor ich sie morgens anziehe, überprüfe ich die heiklen Stellen. Nur die perfekten oder geflickten Exemplare haben die Ehre, mich in meinem Beruf zu begleiten.

All diese Überlegungen hatten zur Folge, dass ich damit begonnen habe, den Menschen auf die Füsse zu schauen. So habe ich unter anderem festgestellt, dass ein gewisser Toggenburger Geschäftsmann stets bunt gemusterte Modelle trägt. Jedesmal, wenn ich diesen Herrn treffe, lasse ich mich von neuen Farben und Formen überraschen.

Und noch etwas ist mir aufgefallen: Erstaunlich viele Leute scheinen sich kein bisschen darum zu scheren, ob ihre Fussbekleidung intakt ist oder nicht. Wenn ich im Rahmen meiner Recherchen zu den Leuten nach Hause gehe, kommt es immer wieder vor, dass mir einer jener sorglosen Sockenträger die Türe öffnet, die ich insgeheim für ihre Lockerheit bewundere. Seit dieses Thema in mein Leben getreten ist, habe ich schon allerlei gesehen, von Freiluftfersen bis zu grossen Zehen mit Panoramablick. Dabei will ich davon eigentlich nichts wissen. Bei mir daheim mache ich alles anders. In den eigenen vier Wänden lebe ich sockenfrei, also barfuss. Da weiss man wenigstens, was man hat – oder nicht hat.