Wehmut ist erlaubt

Lieber Herr Hänsenberger, die Schnüerlischrift, die Sie mir vor bald 50 Jahren beigebracht haben, kommt aus der Mode. Die Kinder lernen sie nicht mehr.

Lukas Pfiffner
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Bild: Lukas Pfiffner

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Lieber Herr Hänsenberger, die Schnüerlischrift, die Sie mir vor bald 50 Jahren beigebracht haben, kommt aus der Mode. Die Kinder lernen sie nicht mehr. Dafür, dass die Schnüerlischrift in oberen Klassen immer weniger gebraucht wurde, hat man jahrzehntelang einen unverhältnismässig grossen Aufwand für das Trainieren der Formen betrieben. Eine sinnvolle (Erwachsenen-)Handschrift lässt sich auch ohne Schnüerlischrift schaffen. Wir verbinden jetzt in der Schule zwar auch. Aber nur, wo es sinnvoll ist und nicht mehr um der Verbindung willen. Wörter der Schnüerlischrift sahen zwar immer aus wie ein «Schnüerli»; in Tat und Wahrheit liessen sie sich aber gar nicht ohne Absetzer schreiben.

Ein bisschen Wehmut ist erlaubt. Toll war in der Schnüerlischrift doch zum Beispiel der grosse Buchstabe X. Der kam zwar nur in extrem wenigen Wörtern vor. Aber er entsprach quasi dem etwas enger geschriebenen Verlauf eines Buchstabens H. Sie haben unserer Primarklasse beim Üben immer wieder deutlich ans Herz gelegt, Sie würden nicht etwa Xänsenberger heissen. Sondern Hänsenberger.

Spezielle künstlerische Herausforderungen stellten auch andere Grossbuchstaben dar, wie D, F, W oder K. Schwierig war für einige Ihrer Schülerinnen und Schüler damals auch, das grosse S und das grosse L auseinanderzuhalten. Schliesslich unterschieden sich diese beiden Buchstaben nur durch Nuancen respektive eine Minischlaufe unten links.

Ich versichere Ihnen, auch mit dem Abschied von der Schnüerlischrift und der Einführung der Basisschrift stehen saubere, leserliche Formen als Ziel im Vordergrund. Damit weiterhin der Läufer nicht zum Säufer wird. Freundliche Grüsse von Ihrem ehemaligen Schüler

Bild: Lukas Pfiffner

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