Von Grossvätern und Grossmüttern

Ende März hätte er wieder Geburtstag gehabt. Jedes Jahr denke ich daran, obwohl er vor fast 50 Jahren gestorben ist. Mein Grossvater, Jahrgang 1900, mit Vornamen Paul, lebte zusammen mit meiner Oma Lina im Obergeschoss unseres Bauernhofes.

Martin Böhringer
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Ende März hätte er wieder Geburtstag gehabt. Jedes Jahr denke ich daran, obwohl er vor fast 50 Jahren gestorben ist. Mein Grossvater, Jahrgang 1900, mit Vornamen Paul, lebte zusammen mit meiner Oma Lina im Obergeschoss unseres Bauernhofes. Zunächst führten sie ihren kleinen und einfachen Haushalt selbständig – wir Grosskinder konnten zu ihnen hochgehen und bei ihnen verweilen.

Es sind gute Erinnerungen, die ich mit meinem Grossvater verbinde. Manchmal ging er mit uns Grosskindern in den Wald. Spannend und etwas gefürchtig war es, wenn wir vor dem Loch eines Fuchsbaus standen. Allein hätten wir nicht hingefunden, aber er führte uns zu diesem geheimnisvollen Ort – und brachte uns auch wieder wohlbehalten heim. Das Butterbrot schmeckte bei den Grosseltern viel besser als bei den Eltern. Später war es die Grossmutter, die sich, nun als Witwe, viel Zeit für uns Grosskinder genommen hat. Stundenlang konnten wir mit ihr sprechen: über das, was früher war und was heute wichtig ist für den Zusammenhalt der Menschen im Ort, in der Kirchgemeinde und in der Verwandtschaft.

Keine Stunde möchte ich missen, die ich mit den Grosseltern verbringen konnte, wenn auch das Zurückblicken etwas verklärt sein mag. Beide haben sich Zeit genommen. Ihr Alltag war nicht hektisch. Sie hatten viel Verständnis für uns Heranwachsende. Lebensweisheiten haben sie weitergegeben, die uns auf unserem Weg zum «Grosswerden» halfen.

«Ehre deinen Vater und deine Mutter», und ich schliesse darin auch die Grosseltern ein, «auf dass du lange lebest in dem Lande, das der Herr, dein Gott, dir geben will», so heisst es in den zehn Geboten. Das «Ehren und Achten» zwischen meinen Grosseltern und uns Grosskindern war gegenseitig. Es erfüllte uns alle. Ich spürte, welch grosser Gehalt in jenem biblischen Gebot steckt.

Wenn wir heute in manchem oder gar in vielem, aufgrund der veränderten Lebensverhältnisse und der Erfindungen, den Grosseltern voraus sind und voraus sein müssen, dann sind wir es nur deshalb, weil wir auf den Schultern derer sitzen konnten, die uns im Leben vorausgegangen sind.