Vom patriotischen zum bunten Tag

Eine brennende Burg, Kriegsspiele, waghalsige Klettereien und immer weniger Trachtegoofe: Die Kinderfeste im Appenzellerland haben sich im Lauf der Zeit verändert. Eine Ausstellung in Urnäsch macht den gesellschaftlichen Wandel sichtbar.

Ueli Abt
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Publikum und Kinder trugen Sonntagskleider: Das Kinderfest von 1913 in Urnäsch. (Bild: pd)

Publikum und Kinder trugen Sonntagskleider: Das Kinderfest von 1913 in Urnäsch. (Bild: pd)

URNÄSCH. Die Szene in der historischen Filmaufnahme von 1923 erinnert eher an einen Krieg als an ein Kinderfest: Eine angreifende Truppe rückt vor, schmeisst sich hinter einem Schutzwall ins Gras, trifft dann auf Soldaten, die die Burg verteidigen. Vergeblich. Am Ende des inszenierten Kriegs steht die Burg lichterloh in Flammen.

«So beging man Anfang des 20. Jahrhunderts in Herisau das Kinderfest», sagt Karin Antilli Frick, die zusammen mit ihrem Mann Walter Frick die aktuelle Sonderausstellung «Kinderfeste» im Brauchtumsmuseum in Urnäsch kuratiert hat.

Am Fest beteiligten sich damals massgeblich die sogenannten Kadetten: Wer dort mitmachte, erhielt eine Art militärische Früherziehung, die Jugendlichen trugen Gewehre und übten jeweils am Sonntagabend.

Im Anzug am Strassenrand

Mit solchen Rückblenden gewährt die Schau einen informativen Blick auf den Wandel der Gesellschaft. «In Urnäsch war das Kinderfest einst ein Feiertag – entsprechend standen die Erwachsenen in der Tracht oder in der «Schale» am Strassenrand», sagt Walter Frick.

Das in der Ausstellung verwendete Bildmaterial lässt Besucher den sich verändernden Dresscode – vom Anzug zur Freizeitkleidung – gut nachverfolgen. Die Ausstellungsmacher zeigen ausserdem auf, dass im Laufe der Jahre die Zahl der Kinder, die in sennischer Tracht teilnehmen, deutlich schrumpfte.

Ebenso verdeutlicht die Schau, dass sich ein Bewusstsein für Unfallrisiken bei den jeweiligen Organisatoren erst noch entwickeln musste: Das Publikum stieg früher in Scharen auf wacklige Bockleitern. Ursprünglich gepflegte Wettbewerbe im Stangenklettern wurden später sicherheithalber abgeschafft.

Fest statt Spott

Die Kinderfeste waren aus den Ostermontagsfeiern hervorgegangen: Mancherorts in der Ostschweiz mussten die Schulkinder Anfang des 19. ahrhunderts fromme Texte schön abschreiben, an Ostern wurden die besten Ergebnisse im Rahmen einer Feier gelobt, die Schüler mit den schlechtesten Resultaten waren hingegen dem Spott des ganzen Dorfs ausgesetzt. Nachdem sich Kritik regte, kam die Idee auf, dass man besser den Kindern einen schönen Tag bereiten sollte. Um 1840 entstanden daraus die Kinderfeste.

Trotz historischer Perspektive: Mit Blick aufs – hoffentlich auch junge – Publikum knüpfen die Ausstellungsmacher beim Museumsrundgang zunächst bei der Gegenwart an. «Kinder, die am letzten Fest teilnahmen, können sich auf den Fotos erkennen, und sich dann der Vergangenheit annähern», sagt Karin Antilli Frick.

Themen statt Wehrhaftigkeit

Der Umstand, dass eben erst 2013 ein Urnäscher Kinderfest stattfand, sei denn auch ein guter Grund gewesen, die seit langem erwogenen Idee einer Ausstellung zu den Kinderfesten nun einmal in die Tat umzusetzen, sagt Walter Frick.

«Rond um d'Welt» hiess das Motto» – die aktuellen Fotos dokumentieren, wie stark sich das Fest durch die bunten Themensujets veränderte. Denn etwas wehrhaft präsentierte sich auch in Urnäsch einst das Kinderfest: Etwa dadurch, dass die Tambouren in historischen Soldatenuniformen aufmarschierten, die noch von einem Gedenkschauspiel zur Schlacht bei Sempach stammten.

Keinen militärischen Hintergrund haben hingegen die Schüsse, welche bis heute in Urnäsch am Anfang des Kinderfests stehen – vielmehr hatte diese Tradition ursprünglich rein praktische Gründe. Die auf einer Anhöhe abgefeuerten Böllerschüsse signalisierten in einer Zeit vor der Verbreitung des Telefons den Kindern, dass das Fest definitiv stattfand.

«Kinderfeste im Wandel der Gesellschaft»: Vom 1. April 2014 bis 13. Januar 2015 im Appenzeller Brauchtumsmuseum in Urnäsch.