Tausend Wunder und Phänomene

Früh aus den Federn hiess es am letzten Samstag für die Teilnehmenden einer Vogelbeobachtungsexkursion. Angeboten wurde diese vom Ornithologischen Verein Gais zusammen mit dem Trägerverein Walderlebnisraum.

Martin Hüsler
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Viel Aufmerksamkeit beim Sonnenaufgang für das gefiederte Volk. (Bild: hü)

Viel Aufmerksamkeit beim Sonnenaufgang für das gefiederte Volk. (Bild: hü)

GAIS. Johann Nepomuk Hummels «Introduktion, Thema und Variationen» für Oboe und Orchester aus dem Autoradio bildet auf der frühmorgendlichen Hinfahrt nach Gais die treffliche Einstimmung. Die in diesem Werk regelrecht tirilierende Oboe bereitet auf das vor, was an Vogelgesang die kommenden Stunden bereichert. Das Tor in diese Wunderwelt stossen Rainer Ernst und Röbi Nagel auf, beide ausgestattet mit profunden ornithologischen Kenntnissen.

Begrüssungskonzert

Der Hausrotschwanz, Frühaufsteher unter den Singvögeln, begrüsst die Schar im Rietli. Kurz darauf erfreut die Singdrossel, Vogel des Jahres, Auge und Ohr. Im Gegensatz zu ihren grösseren Artgenossinnen, der Wacholder- und der Misteldrossel, wiederholt sie ihr melodisches Motiv stets. Aus der Ferne ist eine Ringeltaube hörbar. Fünferschlag nennen die Ornithologen ihr Gurren. «Die Taktfolge kann man sich mit <Iss Suuchruut, Ruedi> merken», errichtet Rainer Ernst eine passende Eselsbrücke zum Vogel, der beim Nestbau wenig Sorgfalt walten lässt.

Derweil verjagt eine Schar Drosseln zwei Krähen, die in ihr Revier eingedrungen sind. Das Luftgefecht ist von kurzer Dauer.

Martialischer Name

Vögel haben mitunter seltsame, ja gar martialisch anmutende Namen. Zu ihnen gehört der Neuntöter, auch Rotrückiger Würger geheissen. Er spiesst seine Beute auf Dornen auf, um sie besser verzehren zu können. Wer hat ihm das beigebracht? Es ist eines der in die Tausende gehenden Phänomene, die in der Vogelwelt das Staunen lehren und noch ein breites Feld für die Forschung offen lassen. Zu den grössten Geheimnissen gehört nach wie vor der Vogelzug.

Über 400 Nistkästen

Im Kleckelmoos – und nicht nur dort – sind zahlreiche Nistkästen auszumachen. Rainer Ernst und Röbi Nagel obliegt es, diese Brutstätten zu betreuen.

«Die Kontrolle der rund vierhundert Nistkästen in der Gemeinde Gais beansprucht uns eine ganze Woche», vernehmen die beeindruckten Exkursionsteilnehmerinnen und -teilnehmer. Mit ihren Feldstechern und mit den Hörorganen machen sie Tannen-, Kohl- und Haubenmeisen, Buch- und Grünfinken, Trauerschnäpper und Mönchsgrasmücken, Zilpzalp und Bachstelzen aus. Und natürlich sind auch Sperlinge dabei. Entgegen der landläufigen Meinung bilden sie aber längst nicht mehr die zahlenmässig stärkste Population, wird doch ihr Lebensraum mehr und mehr beeinträchtigt.

Je weiter die Gruppe in den Wald eintritt und damit das von der Stossstrasse herüberschwappende Rauschen hinter sich lässt, umso wahrnehmbarer wird der vielstimmige, in immer neuen Variationen ertönende Gesang. Was hat er eigentlich zu bedeuten? «In der Regel singen nur die Männchen. Sie markieren so auf akustische Weise ihr Revier und locken Weibchen an. Je schöner der Gesang, umso grösser ist die Chance, die passende Partnerin zu finden», weiss Rainer Ernst. Über den Erlengschwend, wo sich ein Reh beim Äsen lange nicht stören lässt, führt die Exkursion zum Blockhaus im Walderlebnisraum. Eines der Themen an den Tischen ist der unsinnige Vogelfang, wie er in südlichen Ländern, allen voran Malta, die Bestände in geradezu verbrecherischer Weise dezimiert. Man ist sich einig: Mehr Respekt und Achtung vor der Kreatur täte dort dringend not.