«Stadt will Buchstadt sein»

Falls die Stadt St. Gallen die Freihandbibliothek übernimmt, soll der Trägerverein aufgelöst werden. Über die Gründe orientierten der Vorstand und die Stadt diese Woche.

David Gadze
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Die Freihandbibliothek bleibt mit einem Kompetenzzentrum für Jugendmedien an der Katharinengasse. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Freihandbibliothek bleibt mit einem Kompetenzzentrum für Jugendmedien an der Katharinengasse. (Bild: Hanspeter Schiess)

ST. GALLEN. Die Zukunft der Freihandbibliothek St. Gallen nimmt immer konkretere Formen an. Letzte Woche war bekanntgeworden, dass sich der Vorstand des Trägervereins und die Stadt für eine Integration in die städtische Verwaltung ausgesprochen haben. Am Mittwoch informierten Clemens Müller, Präsident des Trägervereins, und Stadtrat Markus Buschor die knapp 30 anwesenden Mitglieder und Mitarbeiter im Katharinensaal detailliert über die Pläne.

Der Verein soll aufgelöst werden

Durch die Erhöhung des städtischen Betriebskredits vor einem Jahr und das Provisorium mit der Kantonsbibliothek Vadiana in der Hauptpost habe sich die Ausgangslage für den Verein verändert, sagte Müller. Deshalb habe er nach der letzten Hauptversammlung mit der Stadt das künftige Zusammenwirken besprochen. Eine Übernahme der Bibliothek durch die Stadt habe sich als beste Option herausgestellt.

Müller informierte über die Zukunft des Vereins, der seinen Zweck bei einer Eingliederung der Bibliothek in die städtische Verwaltung verlieren würde. Der Vorstand werde den Mitgliedern den Antrag stellen, den Verein aufzulösen. Ob an der Hauptversammlung vom 5. Mai – unter Vorbehalt der Zustimmung des Stadtparlaments, das wohl am Tag darauf entscheidet – darüber beschlossen werden soll, ist ebenso unklar wie die Verwendung des Vereinsvermögens.

Stadt mit Kanton auf Augenhöhe

Stadtrat Markus Buschor orientierte über die Gründe für die Inkorporation der Bibliothek. Das Bibliothekswesen sei eine Verbundaufgabe von Stadt und Kanton. Strategische Entscheide für die gemeinsame Bibliothek in der Hauptpost würden vom Lenkungsausschuss gefällt, in dem je zwei Vertreter der Stadt- und der Kantonsregierung sitzen. Deshalb mache es Sinn, wenn die Verhandlungen auch künftig zwischen zwei Partnern auf Augenhöhe stattfänden. «Die Stadt will Verantwortung tragen und eine Buchstadt sein.» Der Stadtrat habe sich auch mit der Frage befasst, wie die Freihandbibliothek in die Stadtverwaltung integriert werden soll. Da sie bereits heute ein «schulnahes Angebot» habe und der Standort St. Katharinen zu einem Kompetenzzentrum für Jugendmedien ausgebaut werde, sei es richtig, sie als eigene Abteilung im Schulamt zu führen. «Man kann auch sagen, dass eine Bibliothek lebenslanges Lernen bedeutet.»

Auch Bücher gehen an die Stadt

Klar ist auch, was mit dem Bücherbestand geschehen soll. Gemäss Statuten müsste dieser bei einer Auflösung des Vereins an die Ortsbürgergemeinde St. Gallen gehen. Diese Bestimmung geht zurück auf die Zeit, als die Freihandbibliothek aus der Vadiana hervorging, die damals noch der Ortsbürgergemeinde gehörte. Jens Nef, Vertreter der Ortsbürgergemeinde im Vorstand des Vereins, betonte jedoch, der Bürgerrat begrüsse das Engagement der Stadt und überlasse ihr deshalb die Bücher.

Langfristig eine Verschmelzung

Albert Rüesch, der das Vereinspräsidium im vergangenen Mai an Clemens Müller abgegeben hatte, meinte, es handle sich nicht um einen «bibliothekarischen Handstreich», sondern um einen Schritt, der sich schon länger abgezeichnet habe und wichtig sei für das Bibliothekswesen in der Stadt. Rüesch erinnerte daran, dass während Jahrzehnten sehr viele alles gegeben hätten, um die Bibliothek auf den heutigen Stand zu bringen. «Bei allen Anstrengungen stossen wir aber an Grenzen und sind nicht mehr in der Lage, eine Bibliothek zu entwickeln, wie sie die Stadt und die Agglomeration haben müssen.» Denn das Fernziel sei nicht die Zusammenführung zweier Bibliotheken unter einem Dach, sondern deren definitive Verschmelzung.