Rotbachtal
Vogelschützer bekämpfen geplanten Wanderweg: Route führt durch mögliches Brutgebiet des seltenen Schwarzstorches

Zwischen Bühler und Gais soll ein Wanderweg realisiert werden. Das Baugesuch ist bereits eingegangen. Doch Ornithologen laufen Sturm. Denn in dem betroffenen Waldgebiet im Rotbachtal könnte der seltene Schwarzstorch brüten. Findet sich ein beflogener Horst, wäre dies eine ornithologische Sensation.

Astrid Zysset
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Der Schwarzstorch brütet in unberührten Waldgebieten.

Der Schwarzstorch brütet in unberührten Waldgebieten.

Bild: PD

Es ist ein scheuer Vogel. Sehr scheu sogar. «Der Schwarzstorch ist ein sogenannter Kulturflüchter», sagt Reto Zingg, Geschäftsstellenleiter der Schweizerischen Stiftung für Vogelschutzgebiete (SSVG). «Das Tier gilt als störungsempfindlich. Es meidet den Menschen, wann immer es kann.» Dementsprechend wichtig sind für den Schwarzstorch ungestörte Fliessgewässer und naturnahe weite Wälder mit Flachmooren und Extensivweiden.

In der Region finden sich solche Habitate im Gebiet Saul, Strahlholz und im Gäbrisgebiet. In der Nachbarschaft des Rotbachtales wurde 2018 ein Jungvogel beobachtet. Seither hoffen die Ornithologen darauf, einen beflogenen Horst zu finden. «Das wäre eine riesige Sensation!», sagt Zingg. Denn damit wäre der erste Brutplatz in der Schweiz nachgewiesen.

Schafft es der gefährdete Vogel ins Appenzellerland?

Der Schwarzstorch gilt als gefährdete Tierart. Bei den Germanen war er der Vogel Odins. Im Christentum wurde er später als heidnisches Symbol und als Fischräuber verfolgt. Seine Bestände dezimierten sich stark. Aus dem östlichen Europa zieht es ihn seither immer stärker in den Westen. 2003 wurde der erste Brutnachweis in Baden-Württemberg erbracht. Dort fand sich ein Horst in einem Waldgebiet in der Region Ravensburg, rund 30 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt.

Schafft der elegante Vogel mit dem roten Schnabel nun den Weg ins Appenzellerland? Möglich wäre es. Seit ungefähr drei Jahren ist der Schwarzstorch gemäss Zingg mit grosser Wahrscheinlichkeit wieder Brutvogel im Gebiet. Zahlreiche Beobachtungen wurden während der Brutzeit zwischen Teufen und Gais gemeldet.

«Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir einen Horst finden.»

Wanderweg mitten durch mögliches Brutgebiet

Doch es könnte auch anders kommen: Entlang des Rotbachs ist ein 3,5 Kilometer langer Wanderweg geplant. 2022, pünktlich zur 750-Jahr-Feier der Gemeinde Gais soll er fertig erstellt sein. Das Baugesuch ging bereits ein. In diesem ist ersichtlich: Der Weg würde im Strahlholz mitten durch ein mögliches Brutgebiet des Schwarzstorchs führen. Damit würden ruhige naturnahe Waldbereiche erschlossen werden.

«Aus Sicht des Artenschutzes wäre dies eine Katastrophe», sagt Zingg. «Der Schwarzstorch sucht das Weite, sobald er sich gestört fühlt.» Eigentlich wollte man das Brutvorkommen geheim halten, um nicht Schaulustige anzulocken. Doch nachdem es zwischen Teufen und Gais schon zahlreiche Beobachtungen gegeben hat, hat man die Strategie geändert. Zingg hofft nun, dass das Wegerschliessungsprojekt nicht realisiert wird.

Wanderweg wollte man 2019 schon realisieren

Es ist nicht der erste Versuch, den Wanderweg entlang des Rotbachs umzusetzen. 2019 lag bereits das schriftliche Einverständnis aller Grundeigentümer vor. Und auch die kantonalen Verfahren betreffend Anpassung des öffentlichen Fuss- und Wanderwegnetzes wurden in den Gemeinden Gais und Bühler sowie im Bezirk Schlatt-Haslen ausgelöst.

Doch ein Umstand machte die Pläne schliesslich zunichte: Im Gebiet Strahlholz, auf Innerrhoder Kantonsgebiet, befindet sich ein national bedeutender Wildtierkorridor, welchen die Tiere nutzen, um die Strasse zu überqueren. Diese Stelle ist im Richtplan eingetragen. Da den Korridoren von Gesetzes wegen Sorge getragen werden muss, galt die Umsetzung des Wanderwegs als unrealistisch. Die Initianten sistierten ihr Projekt.

Hoffen auf eine Bewilligung

Nun also der zweite Versuch. Die Route hat sich dabei im Vergleich zur ersten Version nicht geändert. Warum man nun doch auf eine Bewilligung hofft, dazu wollten die Initianten des Wanderwegs keine Angaben machen. Mit dem Verweis auf ein laufendes Verfahren lehnten sie eine Stellungnahme ab. Aus demselben Grund äussert sich auch Ueli Nef, Innerrhoder Jagd- und Fischereiverwalter, nicht weiter zum Projekt. Es sei nicht üblich, dass sich Fachstellen und Ämter zu laufenden Verfahren äussern. Nur so viel liess er durchblicken:

«An der fachlichen Ausgangslage hat sich nichts geändert. Mehr noch: Mit dem Brutgebiet des sehr seltenen Schwarzstorchs ist es noch unwahrscheinlicher geworden, dass der Wanderweg tatsächlich realisiert wird.»

Das Projekt ist aktuell bei den Baubewilligungsbehörden der betroffenen Gemeinden und dem Bezirk Schlatt-Haslen hängig. Teilweise führt der Weg über einen bestehenden kantonalen Wanderweg. Doch auf dem Gebiet Bezirk Schlatt – Haslen sind grössere bauliche Massnahmen notwendig. Anschliessend braucht es noch die Zustimmung durch die Kantone. Ein Entscheid wird in den kommenden Monaten erwartet.