REUTE: Die letzte aktive Stickerin hört auf

Die 92jährige Lina Bischofberger aus Reute verkauft ihre über 100jährige Handstickmaschine ans Volkskundemuseum in Stein. Der Abschied von der Maschine fällt ihr nicht schwer. «Ich habe viel gearbeitet», sagt sie im Rückblick auf ihr Leben.

Roger Fuchs
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Lina Bischofberger in ihrem Atelier. Diese Woche wird sie am Rücken operiert. Ihre Handstickmaschine geht ans Volkskundemuseum in Stein. (Bild: rf)

Lina Bischofberger in ihrem Atelier. Diese Woche wird sie am Rücken operiert. Ihre Handstickmaschine geht ans Volkskundemuseum in Stein. (Bild: rf)

REUTE. Um 1900 gab es im Appenzellerland 3000 Stickmaschinen, gesamtschweizerisch waren 18 500 im Betrieb. Die meisten Maschinen wurden nach der Stickerei-Hochblüte verschrottet. Nicht so jene von Lina Bischofberger in Reute. Bis vor kurzem hat die 92-Jährige noch täglich in ihrem Atelier mehrere Stunden lang Tücher bestickt. 104 Tücher auf einmal konnten in ihrer Maschine eingespannt werden. Lina Bischofberger gilt als die letzte aktive Handmaschinen-Stickerin des Kantons.

Diese Woche muss sie sich einer Rückenoperation unterziehen. Zuvor hat sie geregelt, was mit der Maschine passieren soll. Spätestens ab Ende April wird diese im Volkskundemuseum Stein stehen. «Für einen bescheidenen finanziellen Betrag», wie Lina Bischofberger sagt. Bischofbergers Nachbarin Ruth Von Allmen wird im Museum den Besucherinnen und Besuchern das Handwerk näherbringen. Regelmässig hat sie in den letzten zwei Jahren an der Stickmaschine gearbeitet und sich mit der Materie vertraut gemacht. «Die Stickerei war ein knallharter Job», sagt Von Allmen. «Jeder Stich ist Kopfarbeit und körperliche Leistung zugleich.»

Stickereihaus gescheitert

Bis im letzten Frühjahr schwebte noch die Idee im Raum, im Stickereilokal von Lina Bischofberger ein «Appenzeller Stickereihaus» einzurichten. Hinter dem Projekt stand eine Interessengruppe. Letztlich aber scheiterte das Projekt an der Finanzierung, was Lina Bischofberger rückblickend nicht weiter überrascht. Sie habe bezüglich Finanzierung der Sache nie recht getraut. Für Reute und den Dorfteil Steingacht wäre es aber eine tolle Sache gewesen, sagt sie. Von einem solchen Stickereihaus hätten auch das nahegelegene Restaurant oder die Bäckerei profitieren können.

Dass sie nun ihre gusseiserne Handstickmaschine dem Volkskundemuseum Stein vermacht, ist letztlich einem Zufall zu verdanken. Der Monteur der Maschine habe das Museum auf das Objekt aufmerksam gemacht. «Noch während des Telefonats mit der Geschäftsführerin des Museums habe ich gesagt, dass sie die Maschine sogleich abholen können», sagt Lina Bischofberger. Die Trennung falle ihr nicht schwer. «Ich habe viel gearbeitet und brauche nichts mehr nachzuholen.» Auch die Fädelmaschine und das komplette Garnlager vermacht die Seniorin dem Museum.

Selbständig gemacht

Nach Reute gekommen ist Lina Bischofberger vor 68 Jahren. «Mein Mann war Sticker, ich seine Fädlerin», so Bischofberger. Nachdem ihr Mann, der einiges älter war, einen Hirnschlag erlitten hatte, führte sie die Aufträge für Bischoff Textil in St. Gallen weiter. Auch nach dem Tod des Mannes im Jahre 1988 legte sie die Arbeit nicht nieder. Als ihr 1999 mitgeteilt wurde, Bischoff Textil schliesse die entsprechende Abteilung und wolle die Handstickmaschine entsorgen, hat sie sich mit 75 Jahren entschieden, alles zu kaufen und in die Selbständigkeit zu starten. Regelmässig bot Lina Bischofberger auch Führungen an. «Von überall her kamen die Gruppen, sogar aus Japan», erzählt sie mit einem Lächeln.

Künftig will sich Lina Bischofberger vermehrt Haus und Garten widmen. Auch Singen und Jassen gehören zu ihrem Leben. In Begegnungen wird sie weiterhin von ihrer Vergangenheit erzählen. Und von Maschinen und Handwerk mit Qualität. «Heute hingegen ist alles aus Plastik.»