Provokation ist gelungen

Bis am Dienstag muss der Appenzeller Künstler Christian Meier den Halbmond auf dem Gipfel der Freiheit im Alpstein wieder abbauen. Seine umstrittene Kunstaktion regt alleweil zum Nachdenken an. Von Roger Fuchs.

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Eigentlich verrückt: Es braucht ein Kunstwerk in Form eines Halbmondes, und die halbe Welt spricht davon. Die einen werten es sofort als islamisches Zeichen, die anderen sprechen von Poesie. So geschehen dieser Tage in Innerrhoden. Auf einem Gipfel im Alpstein lässt Künstler Christian Meier in Eigenregie eine Mondsichel aufleuchten. Die Aktion soll provozieren, die Menschen vor den Kopf stossen. An die Adresse des Künstlers gerichtet: Gratulation! Ziel erreicht!

Die Innerrhoder Regierung tat, was sie tun musste: Sie analysierte und reagierte, sachlich und besonnen. Wegen fehlender Baubewilligung bleibt dem Künstler bis am Dienstag Zeit, die Installation wieder abzubauen. Dann ist der Spuk vorbei. Dabei müssten die Innerrhoderinnen und Innerrhoder dem Künstler sogar dankbar sein. Ihr Ländchen ist nach der kürzlichen Wandertour von Tennisstar Roger Federer durch den Alpstein ein weiteres Mal in aller Munde. Diesmal wurde sogar eine spannende Debatte lanciert. Wie öffentlich soll Religion sein? Können Gipfelkreuze tatsächlich die religiösen Gefühle von Zeitgenossen verletzen? Eine pauschale Antwort gibt es nicht, zu individuell ist Religion inzwischen geworden.

Dennoch: Meier als selbsternannter Atheist muss sich die Frage nach der Toleranz gefallen lassen. So wie er von den Gläubigen erwartet, dass sie seinen Nichtglauben akzeptieren, soll er akzeptieren, dass es Menschen gibt, denen ein Kreuz etwas bedeutet. Niemand ist gezwungen, Gipfelkreuze zu betrachten, jede und jeder kann einfach wegschauen. Für manche Menschen aber versinnbildlicht ein Kreuz Halt und Verbundenheit mit etwas Grösserem, mit Gott.

Umgekehrt sollten jene, die hinter allem und jedem einen islamischen Kreuzzug wittern, sich ein wenig in Gelassenheit üben. Wie will man den Weg der Ökumene beschreiten und das gemeinschaftliche Miteinander von Gläubigen aller Religionen hochhalten, wenn die Symbole der anderen stets als Angriff auf die eigene Kultur interpretiert werden?

Einmal mehr schwingt bei Christian Meiers Aktion auf dem Berg auch die Streitfrage mit, was Kunst darf oder nicht darf. Dabei ist Kunst so persönlich wie Religion. Eines aber muss sein: Kunst soll anregen, sie darf auch anecken. Ein Künstler, der eine Idee verfolgt – mag sie noch so abstrus sein –, hat Respekt verdient. Und gerade Christian Meier wird von Kennern der Innerrhoder Kunstszene eine unglaubliche Konsequenz in der Umsetzung seiner Projekte attestiert. So soll er einst den Biedermeier-Wohnzimmerstuhl der Grossmutter in sein Auswanderungsland China mitgenommen und an verschiedenen Orten aufgestellt haben – bis ihn die Polizei jeweils wegschickte. Selbst sein Körper müsse für Kunst herhalten, auf seiner Brust prange ein grosses BMW-Emblem.

Poesie oder islamisches Zeichen, tolerierbare oder untolerierbare Kunst – nicht immer schlägt eine Kunstaktion so ein wie diese.

roger.fuchs@appenzellerzeitung.ch