NECKERTAL/NAMCHE BAZAR: Lhotse-Sturm dank Neckertaler Arzt

Heute vor 60 Jahren gelang zwei Schweizer Bergsteigern die Erstbesteigung des Lhotse. Entscheidend beigetragen zu diesem legendären Sieg am Berg hat der Toggenburger Expeditionsarzt Eduard (Edi) Leuthold, Bürger von Nesslau, aufgewachsen und wohnhaft in Necker.

Serge Hediger
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Edi Leuthold (Expeditionsarzt, links) und Jürg Marmet, Everest-Zweitbesteiger. (Bilder: pd)

Edi Leuthold (Expeditionsarzt, links) und Jürg Marmet, Everest-Zweitbesteiger. (Bilder: pd)

NECKERTAL/NAMCHE BAZAR. Am Morgen des 18. Mai 1956 weckte um 5 Uhr ein heller Tag die zwei Bergsteiger in Lager VIa auf 7870 Metern über Meereshöhe: Morgensonne, leichter, aber kalter Höhenwind. Nach mehrstündiger Vorbereitung begannen die beiden gegen 9 Uhr den Aufstieg durch den windgepressten Schnee – die Füsse bald schon gefühllos vor Kälte, Eisstaub im Gesicht, Schmerzen beim Atmen trotz Sauerstoffunterstützung. Nach sechsstündigem Einsatz aller Kräfte erreichte die Seilschaft Fritz Luchsinger/Ernst Reiss als erste den Gipfel des vierthöchsten Berges der Welt, des Lhotse mit 8516 Meter über Meer.

Toggenburger Unterstützung

Die beiden Erstbesteiger gehörten zu jener elfköpfigen Schweizer Expedition, die vor 60 Jahren aufgebrochen war, zwei der welthöchsten Berge zu bezwingen – was sie auch schaffte: Fünf Tage später, am 23. Mai, erreichte die Seilschaft Ernst Schmied/Jürg Marmet den Hauptgipfel des Mount Everest (8848 Meter über Meer) – drei Jahre nach Edmund Hillary/Sherpa Tenzing. Und am Tag darauf reüssierte die zweite Schweizer Mannschaft Dölf Reist/Hansruedi von Gunten mit der Drittbesteigung des höchsten Berges.

Leiter jener Expedition im Himalaja war Albert Eggler, der erst nach langer Suche und im letzten Moment einen 28jährigen Mediziner als Expeditionsarzt gewinnen konnte: Eduard (Edi) Leuthold (1928–2000), Bürger von Nesslau, aufgewachsen und wohnhaft in Necker. Erst im Herbst zuvor hatte der Toggenburger an der Universität Zürich das medizinische Staatsexamen abgelegt.

Blinddarm und Bronchitis

Im Buch «Gipfel über den Wolken» erinnert sich Expeditionsleiter Eggler, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel, als er endlich die Zusage eines Arztes erhielt, der nicht durch berufliche Verpflichtungen an einer Teilnahme verhindert war: «Diese Entschlossenheit im Denken und Handeln, die Leuthold schon damals auszeichnete, wirkte sich später zum Segen unserer Expedition aus.»

Zwar stand diese rückblickend medizinisch unter einem guten Stern, doch kam es bei der Anreise zum Basislager auf 5450 Meter über Meer zu einer «Pechsträhne», wie es Expeditionsleiter Eggler formuliert: Teilnehmer Fritz Luchsinger erkrankte an einer akuten Blinddarmentzündung. Im Kloster Thangboche stellte der Lama zwar einen russigen Raum und Leintücher für eine Notoperation zur Verfügung, doch bei den herrschenden Minustemperaturen fehlte das Wichtigste – nicht die chirurgischen Instrumente, nicht die Narkosemittel, nein: eine Heizung.

Wegen der schlechten Aussichten auf Wundheilung versuchte es Mediziner Leuthold mit Antibiotika in höchster Dosierung, mit ruhigstellenden Mitteln und Nährlösungen aus tibetischem Salz sowie Traubenzucker. Und hatte Erfolg: Dem Patienten sollte später der sogenannte «Handstreich auf den Lhotse» gelingen.

Darüber hinaus gab es für den Toggenburger Leuthold die Lungenentzündung des stellvertretenden Expeditionsleiters Wolfgang Diehl zu kurieren; wirkungslos dagegen war seine Behandlung der Bronchitis des einheimischen Trägerführers Sirdar Basang Dama Lama; dieser musste zurück nach Namche Bazar gebracht werden. «Uns ging es bis auf gelegentliche Verdauungsstörungen gut», schreibt Buchautor Eggler.

Gleichwohl traf Edi Leuthold besonders unter den Einheimischen, die sich an den Lagerplätzen einfanden, immer wieder auf Haut- und Darmkrankheiten und alte, infizierte Wunden: «Sahib, dukza, dukza!» (Es tut weh), hätten die Patienten ihre Leiden geschildert und vom Arzt immer wieder «injections» verlangt. «Die Leute mochten von gelegentlichen <Wunderheilungen> durch Einspritzungen gehört haben, und offensichtlich erwarteten sie von jeder Spritze übernatürliche Heilwirkungen.»

Wissenschaftliche Ehre

Natürlich haben die bergsteigerischen Triumphe in den internationalen Medien den grössten Nachhall gefunden: Die «New York Times» beispielsweise schrieb, den Schweizern sei mit dem Lhotse ein Aufstieg gelungen, der von vielen als schwieriger als der Everest bezeichnet wird» – «a stiffer mountaneering test than Everest».

Doch auch Edi Leuthold, der mit fünf weiteren Expeditionsmitgliedern die Ehre teilt, als Gruppe den Sieg am Berg ohne eigenen Gipfelsturm ermöglicht zu haben, kam zu Reputation: Er hatte auf der Expedition von 1956 das Verhalten von Puls und Blutdruck bei Belastung in grossen Höhen untersucht und später in der «ihm eigenen, objektivierenden Art» kritisch die medizinische Fachliteratur zu allen Fragen gesichtet, die im Zusammenhang mit dem Expeditionswesen stehen.

Die Schweizerische Stiftung für Alpine Forschungen würdigt Leuthold denn auch für seinen skeptischen Geist und seine «Vorbehalte gegenüber medizinischen Spezialuntersuchungen im Rahmen von bergsteigerischen oder wissenschaftlichen Expeditionen, deren Ergebnisse nachweisbar kaum je dem finanziellen Aufwand entsprechen».

Fritz Müller, Fritz Luchsinger, Hansruedi von Gunten, Dölf Reist sowie Edi Leuthold (von links).

Fritz Müller, Fritz Luchsinger, Hansruedi von Gunten, Dölf Reist sowie Edi Leuthold (von links).

Leuthold, Müller und Luchsinger rüsten das Material im Lager V zum Aufbruch in den Südsattel.

Leuthold, Müller und Luchsinger rüsten das Material im Lager V zum Aufbruch in den Südsattel.