Mordlust in der Alten Stuhlfabrik

Der Appenzeller Verlag und zwei Schriftstellerinnen, die diesmal auch als Herausgeberinnen walten. «Mord in Switzerland» vereint 18 Schweizer Krimiautorinnen und -autoren und zeigt eine andere Schweiz, die der Düsteren, Zwielichtigen, Hinterhältigen, Gerissenen, Kaltblütigen.

Guido Berlinger-Bolt
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Philipp Probsts Kurzgeschichte beginnt in einem Stadtbus in Basel. (Bilder: gbe)

Philipp Probsts Kurzgeschichte beginnt in einem Stadtbus in Basel. (Bilder: gbe)

HERISAU. Die Freitagnacht wurde zur Mordnacht: Acht der 18 Krimiautorinnen und -autoren lasen aus ihrer eben erschienenen Anthologie «Mord in Switzerland». Und am Ende der Stafettenlesung fürchteten die gut 50 Zuhörerinnen und Zuhörer sich vor dem umgehenden Säli-Mörder. Susy Schmid las aus ihrem Kurzkrimi «Heute abend in H.» – H. stand am Freitagabend natürlich für Herisau, für die Stuhlfabrik, und die Krimifans, die den Weg dorthin gefunden hatten, griffen sich an die eigene Kehle beim Gedanken, der Säli-Mörder aus Schmids Geschichte könnte mit dem Messer in der Faust nun auch in dieses Säli eindringen und sein mörderisches Tun verrichten. Er kam nicht. Stattdessen ging das Licht an im Saal, und man sah in lauter nette, aber auch erleichterte Gesichter. Zwischen den Zuhörenden gingen die Autoren und signierten die ihnen hingestreckten Bücher.

Mordlust überall

Die offensichtliche Mordlust war aber nicht nur Susy Schmid anzumerken, sondern dem gesamten Publikum. «Wir haben einen spannenden, aber auch einen gefährlichen Abend vor uns», stellte die Lektorin des einladenden Appenzeller Verlags, Magdalena Bernath, gleich zu Beginn klar. In drei Etappen lasen acht «literarische Mörderinnen und Mörder», wie sich Bernath ausdrückte, kurze Ausschnitte aus ihren Texten. Ein Toter in einem zerschellten Auto im Rotbach, einer auf der Aussichtsplattform der Kathedrale von Lausanne, ein nächster in einem explodierten Auto in Biel. Abgründiges, Niederschmetterndes, Brutales, Verstörendes hörten die Zuhörerinnen und Zuhörer aus dem Mund der Schreibenden. Daneben auch Polizei-Technisches und Gesellschaftskritisches.

Blick auf heile helvetische Welt

Als Höhepunkt befragte Lektorin Bernath die beiden Herausgeberinnen, selber Krimiautorinnen mit Leib und Seele, über die Motivation nunmehr herausgebend, also Texte-sammelnd und koordinierend, tätig zu werden. Auf einer Zugfahrt von einer Ausstellung Bern nach Zürich seien sie auf die Idee einer Anthologie mit Kurzkrimis gekommen, erklärte Petra Ivanov. Eine Ausstellung zu was? – Kriminalfälle (natürlich). Mit Blick auf die gepflegten Häuslein entlang der Bahnstrecke und auf die herausgeputzte Landschaft haben sich Petra Ivanov und Mitra Devi alle mögliche Verbrechen vorzustellen versucht, die hinter sauberen Fassaden und in netten Vorgärten geschehen könnten. Rasch war die Idee geboren, solche Verbrechen aus allen möglichen Schweizer Orten zu sammeln, fiktive Verbrechen in Texten natürlich, geschrieben von den bekanntesten, aber auch weniger bekannten Schweizer Autorinnen und Autoren.

Tolle Geschichten

Fast jeder Kanton ist so im knapp 300 Seiten starken Band auf mörderische Art und Weise verewigt. «Mord in Switzerland» ist made in Switzerland. «Die üblichen Schauplätze», sagt Mitra Devi, «wollten wir hingegen bewusst meiden. Wir suchten nicht die Krimistädte der Schweiz.» Sondern das Land, die Berge, die heile helvetische Welt, die die beiden Krimiautorinnen einst aus dem Zugfenster zwischen Bern und Zürich betrachteten. Nur einige Westschweizer Kantone fehlen, so Devi. Und: «Es wäre schön gewesen, wenn auch im Tessin eine Geschichte spielen würde», so Devi. Und Ivanov: «Wir haben tolle Geschichten erhalten.»

Voll des Lobes sind sie für die Arbeit der angefragten Autorinnen und Autoren. «Wir gingen nämlich relativ naiv an die Arbeit. Erst im nachhinein wurde mir bewusst, was alles hätte schiefgehen können», sagte am Freitagabend Petra Ivanov. Beide, Ivanov und Devi, warten nun gespannt, wie die Leserschaft auf das Buch reagiert.

Anstifterinnen: (v.l.) Petra Ivanov, Mitra Devi und Magdalena Bernath.

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Felix Mettlers Kurzkrimi spielt in Gais.

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Anne Cuneo wählte als Handlungsort die Lausanner Kathedrale.

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Unschärfe, Zwischenräume, Dunkelheit begleiten den literarischen Mord.

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Christina Casanova las über einen Mord im bündnerischen Rodels.

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