Martha wartet

Martha weiss, wie unattraktiv sie ist: eng zusammenliegende Augen, schmale Lippen, dünnes Haar, ein fladenförmiges Gesicht.

Monika Egli
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Bild: Monika Egli

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Martha weiss, wie unattraktiv sie ist: eng zusammenliegende Augen, schmale Lippen, dünnes Haar, ein fladenförmiges Gesicht. Aber sie ist sich ihres reichen Innenlebens bewusst und rechnet fest damit, dass eines Tages der Richtige kommt, ihr tief und lange in die Augen mit den blassen Wimpern schaut und entdeckt, welche Schätze in ihr schlummern. Den Richtigen zu heiraten, dem gilt ihr ganzes Streben, das schuldet sie ihrer Mutter. Unermüdlich hat ihr die resolute Frau eingetrichtert, das sei die Bestimmung der Frauen und dass für ein Mädchen wie sie nichts anderes in Frage komme. Sie rackere sich gerne ab, um aus Martha eine ehrbare junge Frau zu machen. Und Martha, mit ihrer Schüchternheit ganz nach dem früh verstorbenen Vater geraten, verinnerlicht Mutters Pläne.

Martha wird 30, der Richtige kommt nicht. Sie ist oft am Verzweifeln, aber sie gibt nicht auf, schiebt diese Gefühle beiseite. Mutter, die immer nur das Beste für sie wollte, darf nicht enttäuscht werden. Keinesfalls.

Die Jahre vergehen, das Leben um Martha herum ändert sich, ihre Pläne aber bleiben. Sie wohnt jetzt in einer Art WG (was wohl Mutter dazu sagen würde?) und findet das praktisch, denn jetzt muss sie sich um fast nichts mehr selber kümmern, kann ganz für ihr Ziel leben. Martha macht täglich lange Spaziergänge. Sie geht stets zum gleichen Bänkli im grossen Park, vorbei am Teich, am Rosenbeet, an der mächtigen Trauerweide. Hier sitzt sie stundenlang – und wartet auf den Richtigen.

Eines abends klopft es an ihre Tür. Martha öffnet – und sieht sich einem schönen, grossen Mann gegenüber. Er schaut ihr tief und lange in die Augen, seufzt und lächelt sie an: «Endlich habe ich Dich gefunden. Ich suche Dich schon mein ganzes Leben lang. Du sollst meine Frau werden.» Glückseligkeit.

Bei der wöchentlichen Besprechung ist Martha das beherrschende Thema. Die Schwester rapportiert, die Patientin entwerfe jetzt den ganzen Tag lang Einladungskärtli für ihre Hochzeit und werde rabiat, wenn man sie davon abhalten wolle. Die Ärzte sind sich schnell einig: Martha hat einen weiteren argen Schub gemacht. Jetzt ist es unumgänglich: Sie muss in die geschlossene Abteilung verlegt werden.

Bild: Monika Egli

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