Manche Wörter ruhen sich aus

Manche Wörter ruhen. Sie werden kaum mehr gebraucht, höchstens noch in gewissen Kreisen. Mag sein, sie sterben und sinken auf den Grund des Wörtermeers, von wo sie nur durch Sprachforscher gelegentlich aufgewirbelt werden.

Hans Jörg Fehle
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Manche Wörter ruhen. Sie werden kaum mehr gebraucht, höchstens noch in gewissen Kreisen. Mag sein, sie sterben und sinken auf den Grund des Wörtermeers, von wo sie nur durch Sprachforscher gelegentlich aufgewirbelt werden. Andere Wörter ruhen sich aus, sammeln neue Kraft und werden plötzlich aufgeweckt und wecken auf. Man muss Wörter nicht retten. Wenn sie Kraft in sich haben, werden sie sich schon wieder durchsetzen und selbst rettend werden – vor der Sprach- und Gedankenlosigkeit.

Kaum jemand will fromm sein

«Schöpfung (Gottes)» war so ein Wort. Das war ziemlich out. Manche meinten, Darwin hätte es erledigt. In den 70er-Jahren gewann es wieder an Aussagekraft, weil es an all das Vorgegebene, Mitgegebene, Natürliche erinnert, das kein Mensch selber macht. Mit dem wir Menschen leben lernen müssen, wenn wir unsere Gattung nicht zugrunde richten wollen. «Schöpfung» gab der Ökologie als der Lehre (logos) vom guten Umgang mit dem bewohnten Erdkreis und seinem Haushalt (oikos) tiefen Atem. Nun frage ich mich, wie es «fromm» ergehen wird. Kaum jemand will es zurzeit sein. Das Wort ist so hochgestiegen, dass selbst fromme Heilige im Verdacht stehen, scheinheilig zu sein. Dabei hatte es ursprünglich mit «nützen», «helfen» zu tun; mit Vorteil. Und da könnte es künftig auch wieder Sinnlücken schliessen.

Das freigiebige Geben

In Matthäus 6, wo Jesus die Menschen auf dem Berg ins Frommsein einweist, gehört zum «Vorteil» als Erstes das freigiebige Geben ohne Aufhebens (weil ich meinen Besitz als Teil des Vermögens Gottes sehe, die Welt zu gestalten). Als Zweites das Beten aus einem vertrauensvollen, freien Herzen (weil die wachsende Menschheit reiches Innenleben braucht, um den Planeten mit ihrer Aussenorientierung nicht zugrunde zu richten). Als Drittes, sich nicht primär zu sorgen um das Materielle (weil diese Ausrichtung die Schweiz zu einem Krämerland macht und die Welt versklavt).

Ruhiges Wörtermeer

Weil fromm sein wirklich spannend ist und das Leben auf gute Art in Bewegung bringt, wage ich die Ansage: Es wird das Wort «fromm» weiter brauchen und geben, wenn «Dichtestress», «Masseneinwanderung» und dergleichen Schlagwörter schon lange Zeit unter dem Wortmüll der Geschichte gelandet sind. Mir gefällt der Gedanke, es gebe neben dem ruhigen Wörtermeer noch eine Wort-Abfall-Verbrennung; Gericht muss sein.