Lacrosse
«Solange ich eine Chance habe, spiele ich weiter»: Ostschweizer Lacrosse-Pionierin träumt von Olympia

Am 30. Juni beginnt für die Schweizer Frauen-Lacrosse-Nationalmannschaft die WM in den USA. Eine Schlüsselspielerin ist die Gaiserin Franziska Fitzi.

Peter Eggenberger
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Franziska Fitzi ist nach wie vor eine der besten Lacrosse-Spielerinnen des Landes.

Franziska Fitzi ist nach wie vor eine der besten Lacrosse-Spielerinnen des Landes.

Bild: Stefan Emch

Im April 2019 geschieht es: Franziska Fitzi will in einem längst entschiedenen Ligaspiel mit St.Gallen 30 Sekunden vor Schluss – ehrgeizig, wie sie ist – noch ein Tor erzielen. Dabei kommt ihr im vollen Lauf aus dem toten Winkel von rechts eine Gegenspielerin in den Weg.

Die Folge in Fitzis rechtem Knie: mehrere Knorpelschäden an der Kniescheibenrückseite und am Oberschenkelknochen. Es folgt für die in Gais Aufgewachsene eine dreijährige Leidenszeit mit drei Operationen und täglichen Schmerzen. Aber aufgeben kommt für sie nicht infrage:

«Ich wollte zurück aufs Feld und vor allem an die WM in den USA.» Eine WM in Nordamerika, am Ursprung des Lacrosse-Sports, sei für jede Spielerin ein Traum.

Immer noch eine der besten Spielerinnen des Landes

Nach der letzten Operation im Mai 2021 beginnt der Wettlauf mit der Zeit. Fitzi wechselt den Wohnort (nach Zürich) und den Verein (zu den Serienmeisterinnen von Wettingen), geht regelmässig in die Physiotherapie und gibt in der Rückrunde der abgelaufenen Saison ihr Comeback – schmerzfrei.

Und sie schafft dank überzeugender Leistungen als einzige Ostschweizerin den Sprung ins definitive 18er-Kader für die WM. Dabei profitiert sie einerseits davon, dass diese wegen der Covid-19-Pandemie um ein Jahr verschoben worden ist. «Andererseits habe ich meine volle Leistungsfähigkeit aufgrund meiner langjährigen Erfahrung und meiner Passion für den Sport schnell wieder erreicht», sagt die 33-Jährige. Dies verdeutlicht, dass sie nach wie vor eine der besten Spielerinnen des Landes ist.

Seit 2011 ist sie im Lacrosse aktiv, so lange, wie es die Frauenliga in der Schweiz gibt. Sie hat an der Universität St.Gallen den Verein mit aufgebaut, war in zehn Jahren Spielerin, Trainerin und Vorstandsmitglied. Die Ausserrhoderin ist die Lacrosse-Pionierin der Ostschweiz.

Sie war vom ersten Training an begeistert von der Ballsportart, die mit einem Schläger mit Netz ausgeübt wird. Zehn Frauen pro Team versuchen, auf einem etwas weniger breiten Feld als im Fussball durch Passen, Fangen, Tragen und Schiessen den Ball im 1,8 x 1,8 m grossen Tor zu versenken, das von der Torfrau gehütet wird.

An EM und WM teilgenommen

«Lacrosse ist ein dynamischer Sport, bei dem die Kombination von physischer und mentaler Stärke besonders wichtig ist», erläutert Fitzi. Direkter Körperkontakt ist bei den Frauen nur beschränkt erlaubt. Umso wichtiger sind strategische Spielzüge in der Offensive und taktisch geschicktes Defensivverhalten.

Als besondere Ausrüstung tragen die Spielerinnen – nebst der Torfrau je drei Verteidigerinnen, Mittelfeldspielerinnen und Angreiferinnen - einen Mundschutz (obligatorisch) und eine Brille (empfohlen). Ein Spiel dauert 4 x 15 Minuten; gefordert sind neben Ballgefühl Schnelligkeit, Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer.

Fitzi spielt im Angriff. Sie hat bereits an der EM 2015 in Tschechien und an der WM 2017 in England teilgenommen. An der EM wurde die Schweiz damals 12. von 17 Nationen, an der WM 19. von 25. Dieses Jahr nehmen bereits 30 Equipen an der WM teil.

«Unser Ziel ist ein Top-20-Rang», sagt Fitzi, die nach der WM eine neue Stelle als Managerin des Instituts für Anästhesiologie am Universitätsspital Zürich antreten wird. «Ich habe meinem neuen Chef bereits mitgeteilt, dass ich nicht mit einer Medaille nach Hause kommen werde», sagt Fitzi mit einem Schmunzeln. Zu stark ist die Konkurrenz, allen voran die USA, die acht von zehn WM-Titeln gewonnen haben.

Gegen Haudenosaunee und Japan

Die Schweiz als Weltnummer 19 trifft in ihrer Gruppe auf China, Argentinien, Haudenosaunee und Japan (Weltnummer 9). Um sich für die Achtelfinals zu qualifizieren, müsste die Schweiz einen der ersten zwei Plätze in ihrer Gruppe erreichen oder bester Gruppendritter werden. «Das wäre eine Sensation, obwohl wir das beste Nationalteam seit Bestehen haben», sagt Fitzi.

Dies verdeutlicht die Tatsache, dass die Schweiz an der letzten WM gegen das Team Haudenosaunee 4:18 verloren hat. Dieses belegt in der Weltrangliste den 12. Platz und repräsentiert die sechs Völker der Irokesen, die am Ursprung des Sports stehen und gemäss der Überlieferung damals mit dem Spiel Kriege vorbereitet haben.

Die Schweizerinnen verfügen über ein erfahrenes Team, das zur Hälfte aus Spielerinnen des achtfachen Schweizermeisters Wettingen besteht. Für die WM-Kampagne haben die Schweizerinnen zwei Profis aus den USA als Coaches verpflichtet. Die Spielerinnen haben ihnen für die Vorbereitungscamps in der Schweiz die Flüge bezahlt; umgekehrt arbeiten die Coaches im Ehrenamt.

Jede der 18 WM-Teilnehmerinnen – selbstredend lauter Amateurinnen - steuert an die Gesamtkosten der Kampagne rund 6‘000 Franken bei und opfert Freizeit und Ferien. «Belohnt werden wir mit einer einzigartigen Atmosphäre und der Ehre, unser Land an der WM vertreten zu dürfen», freut sich Fitzi.

ESPN überträgt die Spiele

Die WM findet im Grossraum Baltimore statt. Die Spiele werden erstmals von ESPN übertragen. Der Internationale Lacrosse-Verband, der 77 Mitglieder zählt, hat einen mehrjährigen Vertrag mit der TV-Anstalt unterzeichnet. Es ist neben der Ausdehnung des WM-Teilnehmerfelds auf 30 Equipen ein weiterer Schritt im Bestreben, Lacrosse für die Olympischen Spiele von 2028 in Los Angeles ins Programm zu bringen.

Und was macht Franziska Fitzi bis 2028? «Solange ich eine Chance habe, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, spiele ich weiter.» Vorausgesetzt, das rechte Knie hält der Belastung bis ins Alter 40 stand …