Konzertvorschau
Statt Andermatt, Zürich oder Basel: Swiss Orchestra gibt Gastspiel in Herisau

Zur Wiedereröffnung der sanierten Dorfkirche Herisau ermöglichen die Ausserrhoder Stiftungen ein Sonderkonzert mit dem Swiss Orchestra unter der Leitung von Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer sowie dem Urnäscher Volksmusiker Noldi Alder.

Martin Hüsler
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Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer will Schweizer Sinfonik vor dem Vergessenwerden bewahren.

Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer will Schweizer Sinfonik vor dem Vergessenwerden bewahren.

Bild: Dominic Buettner

Am kommenden Sonntag um 17 Uhr steht Herisau ein besonderes musikalisches Ereignis bevor. Das unter der Leitung von Lena-Lisa Wüstendörfer stehende Swiss Orchestra spielt in der reformierten Kirche Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Josef Joachim Raff, Pjotr Iljitsch Tschaikowski und Paul Juon. Eingebettet ins Programm sind Kompositionen von und mit Noldi Alder am Hackbrett. Das Konzert ist ein Geschenk der Ausserrhoder Stiftungen an die Bevölkerung zur Wiedereröffnung der renovierten Dorfkirche.

Ihr Anliegen sei es, mit Musik Glücksmomente zu kreieren. Lena-Lisa Wüstendörfer offenbarte dies im September 2019 in der Sendung «Persönlich» von Radio SRF 1. Damals richtete sich die Aufmerksamkeit wegen der kurz zuvor erfolgten Gründung des Swiss Orchestra auf die junge Schweizer Dirigentin, weil die entscheidenden Impulse zur Entstehung dieses mittlerweile etablierten Klangkörpers von ihr ausgegangen waren.

Schweizer Sinfonik «ausgraben»

Lena-Lisa Wüstendörfer ist es darum zu tun, die Musikszene mit durchaus existierender Schweizer Sinfonik aus Klassik und Romantik zu bereichern, einer Sinfonik, die leider kaum je in Konzertprogramme Eingang findet. Die Dirigentin holt das Schaffen von mehr oder weniger unbekannten Komponisten ans Licht und bewahrt es – jeweils in Kombination mit «konventionellen» Werken – vor dem Vergessenwerden. Für das Konzertpublikum, das sich weitgehend Unbekanntem zu öffnen versteht, ergeben sich so jene Glücksmomente, die Lena-Lisa-Wüstendörfer anstrebt.

Mit dem Swiss Orchestra tritt in Herisau ein Ensemble auf, das sich aus erstklassigen Instrumentalistinnen und Instrumentalisten der jüngeren Generation zusammensetzt. Gemeinsam mit renommierten Solistinnen und Solisten tourt es nun seit seiner Gründung durch die Schweiz «und verknüpft höchste Qualität mit mitreissendem Esprit», wie es von ihm heisst. Ab diesem Jahr ist das Swiss Orchestra Residenzorchester der Andermatt Concert Hall.

Assistentin bei Claudio Abbado

Die 1983 geborene Lena-Lisa Wüstendörfer steht nicht nur beim Swiss Orchestra am Pult. Sie ist auch künstlerische Leiterin des Berner Bach-Chors. Mittlerweile international gefragt, führt sie ihre Konzerttätigkeit zudem in die Musiksäle der halben Welt. Begonnen hat alles an der Hochschule für Musik in Basel, wo sie Violine und Dirigieren studierte.

An der Uni Basel folgte ein mit dem Doktorat abgeschlossenes Studium in Musikwissenschaft und Volkswirtschaft. Bei Sylvia Caduff und Sir Roger Norrington vertiefte sie ihr Dirigierstudium. Eine Assistenz bei Claudio Abbado gab ihr wertvolle Impulse auf den weiteren Weg. Einen Namen gemacht hat sich Lena-Lisa Wüstendörfer ausserdem auf dem Gebiet der Rezeptions- und Interpretationsgeschichte, wobei sie namentlich eine hohe Affinität zu Gustav Mahler erkennen lässt. Wiederholt war sie an der Uni Basel als Lehrbeauftragte tätig.

Das Programm

Getreu der Ausrichtung des Swiss Orchestra steht in Herisau Bekanntes neben Rarem. Mozarts «Eine kleine Nachtmusik» gehört zu den meistgespielten Werken der Klassik schlechthin. Da hat es Joseph Joachim Raff schon schwerer. Der 1822 in Lachen SZ geborene Sohn eines deutschen Emigranten hinterliess ein beachtliches Werk jeglichen Genres. Doch das Dutzend Sinfonien und erst recht die sechs Opern des Liszt-Schülers fristen ebenso ein Mauerblümchendasein wie seine Kammermusik. Zu hören ist in Herisau seine 1859 entstandene Cavatina aus «Six Morceaux» op. 85 für Solo-Violine und Streicher.

Eine Besonderheit bilden sodann die Auszüge aus Tschaikowskis Serenade für Streicher in C-Dur im Wechsel mit Paul Juons fünf Stücken für Streichorchester op. 16. Wer Tschaikowski ist, braucht nicht länger erörtert zu werden. Seine Sinfonien und vor allem sein erstes Klavierkonzert werden immer wieder aufgeführt. Vom 1872 in Moskau geborenen und 1940 in Vevey verstorbenen Paul Juon – sein Grossvater war aus dem Bündnerland nach Russland ausgewandert – lässt sich sagen, dass ihm in letzter Zeit recht viel Beachtung geschenkt wird.

Sonntag, 24. April, 17.00 Uhr, Türöffnung 16.15 Uhr. Eintritt frei.


Der Appenzeller Bezug

Noldi Alder wird das Sonderkonzert mit klassifizierter Volksmusik ergänzen.

Noldi Alder wird das Sonderkonzert mit klassifizierter Volksmusik ergänzen.

Bild: Elias Bricker

In all die Klassik und Romantik setzt Noldi Alder aus Urnäsch ein Gegengewicht. Klassifizierte Volksmusik nennt er, womit das Programm des Sonderkonzerts ergänzt wird. «Es gibt manche klassische Komponisten, die in ihre Werke Elemente aus der Volksmusik haben einfliessen lassen. Ich bin sozusagen den umgekehrten Weg gegangen und habe die Volksmusik zum Ausgangspunkt für meine Kompositionen für Hackbrett und Orchester genommen.» Zu hören sein werden Stücke mit tänzerischem Charakter, die so urtümliche Namen wie «De Wedetäcktig», «Zitt isch gsiä» oder «Flüch oder i nemmdi» tragen. Das Swiss Orchestra probt seinen Part schon seit geraumer Zeit. Erst am Samstag stösst Noldi Alder in Zürich mit dem Hackbrett dazu und stimmt sich auf das Zusammenklingen ein. Unmittelbar vor dem Konzert gibt es dann noch eine Vorprobe. Zur Zusammenarbeit ist es auf Anregung von Lena-Lisa Wüstendörfer gekommen, die ihrerseits aus Ausserrhoder Stiftungskreisen, die das Konzert wie eingangs erwähnt grosszügig unterstützen, auf Noldi Alder aufmerksam gemacht wurde. (hü)