Indirektes Kompliment unter Frauen

SPEERSPITZ Nach Einsiedeln fahre sie heute, sprudelt es aus der dauergewellten Pensionärin heraus, die mir gegenüber im Abteil sitzt. Wir fahren eines Morgens im Zug von Wil nach Wattwil, wir kennen einander nicht.

Anina Rütsche
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Kopfsalat - Anina Rütsche (Bild: Anina Rütsche)

Kopfsalat - Anina Rütsche (Bild: Anina Rütsche)

SPEERSPITZ

Nach Einsiedeln fahre sie heute, sprudelt es aus der dauergewellten Pensionärin heraus, die mir gegenüber im Abteil sitzt. Wir fahren eines Morgens im Zug von Wil nach Wattwil, wir kennen einander nicht. Auf ihren Knien liegt eine Handtasche, prall gefüllt, ja, man müsse halt so einiges mitnehmen, wenn man pilgere: einen Regenschirm, Handschuhe, ein Wasserfläschli und ein Brötli mit Fleischkäse und Gürkli.

Alleine fahren müsse sie dieses Mal aber gottlob nicht, sagt die Frau nach einem Seufzer. In Rapperswil steige ihr Bruder ein, ja, sie habe halt unterwegs gerne jemanden zum gsprööchle. Der Bruder, der sei schon seit 1971 nicht mehr in Einsiedeln gewesen, unglaublich. Dabei sei es in Einsiedeln so schön, vor allem im Winter, so ruhig und besinnlich und feierlich, das müsse man einfach erlebt haben. Sie selbst reise regelmässig nach Einsiedeln, sie habe ja ein Generalabonnement, so ein rotes, ganz praktisch sei das, es gebe beim Generalabonnement sogar Rabatt für Rentnerinnen und Rentner, das komme ihr gelegen.

Ob ich auch schon in Einsiedeln gewesen sei und ein Abo für den Zug habe? Ich bejahe beides, froh, endlich etwas zu dieser Konversation beitragen zu können. Und dann macht mir die ältere Dame indirekt eines der grössten Komplimente, das von Frau zu Frau möglich ist, denn sie fragt: «Und Sie sind sicher Kantischülerin in Wattwil?» Nein, nein, möchte ich lachend antworten, ich habe die Matura bereits 2004 bestanden. Es freut mich aber, dass Sie mich als Teenie einschätzen. Es gibt da nur ein Problem: Eigentlich bin ich doppelt so alt, wie Sie denken, nämlich dreissig. Ich sage: «Ich fahre nach Wattwil, weil ich dort arbeite, und zwar bei der Zeitung.» Für mein Gegenüber ist der Fall klar: «Da haben Sie aber eine flotte Aspirantenstelle gefunden.»

@toggenburgmedien.ch