Im Würgegriff der Stadt

Für die IG Starkes Ausserrhoden sind St. Gallen und Appenzell die eigentlichen Zentren des Kantons. Andere Meinungen vertreten ein Historiker und der Herisauer Gemeindepräsident. Handlungsbedarf sehen sie trotzdem.

Jesko Calderara
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Herisau ist Regierungssitz und wirtschaftlich von Bedeutung. (Bild: apz)

Herisau ist Regierungssitz und wirtschaftlich von Bedeutung. (Bild: apz)

AUSSERRHODEN. Die Situation ist speziell. Anders als in anderen Kantonen nennt die Ausserrhoder Verfassung keinen Hauptort. Heute sind Regierungs- und Kantonsrat sowie die Verwaltung in Herisau zu finden. Trogen hingen ist Standort der Gerichte. Die eigentlichen Zentren des Kantons seien St. Gallen und Appenzell, schreibt die IG Starkes Ausserrhoden in einem Positionspapier (siehe Zweittext). Nur bedingt dieser Meinung ist Stefan Sonderegger. Der Historiker lebt in Heiden und leitet das Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen. «Ein Zentrum übernimmt politische, wirtschaftliche und verwaltungstechnische Funktionen für die umliegenden Gemeinden», sagt Sonderegger. Das treffe in Ausserrhoden vor allem auf Herisau zu. Trogen habe dagegen trotz der Gerichte mit Ausnahme der Kantonsschule keine überregionale Bedeutung mehr. Weitere Zentrumsgemeinden sind dafür laut Sonderegger Heiden und Teufen. «Obschon die Bezirke Vorder-, Mittel- und Hinterland 1995 abgeschafft wurden, spielen sie in den Köpfen der Menschen noch immer eine wichtige Rolle.» Appenzell wiederum werde oftmals von aussen als Mittelpunkt des Appenzellerlands angesehen.

Teil des Metropolitanraums

Für Stefan Sonderegger ist Ausserrhoden zudem Teil des Metropolitanraums St. Gallen. Im Volksmund heisse es, man gehe in die Stadt. Damit sei St. Gallen gemeint und nicht etwa Herisau, sagt der Historiker. Neu ist dieses Phänomen allerdings nicht. Im Mittelalter gehörte das Land Appenzell zum Herrschaftsgebiet des Klosters St. Gallen. Dies änderte sich erst im 15. Jahrhundert, als sich die Appenzeller zusammen mit den Stadtsanktgallern aus der Klosterherrschaft befreien konnten. Die Ursachen für den fehlenden Hauptort in der Kantonsverfassung sind ebenfalls in der Geschichte zu finden. Nach der Landteilung 1597 war Trogen die grösste Rhode und wurde deshalb Hauptort. Die Feindseligkeiten der Rhoden vor und hinter der Sitter führten später zu einer Doppelbesetzung aller Landesämter. Erst seit 1876 sind Regierung und Parlament nur noch in Herisau beheimatet.

Als Problem sieht Sonderegger den starken Bezug Ausserrhodens zu St. Gallen und die Situation mit verschiedenen Zentren nicht an. «Ein Zentrum ist nur dann identitätsstiftend, wenn es historisch gewachsen ist.» Es bringe aber nichts, einfach auf dem Papier einen Hauptort festzulegen. Vielmehr liege es auch im Interesse Ausserrhodens, St. Gallen als Metropolitanraum zu stärken, sagt Sonderegger.

Herisau von Bedeutung

Der Herisauer Gemeindepräsident Renzo Andreani nimmt Appenzell abgesehen vom touristischen Bereich nicht als Zentrum wahr. «St. Gallen ist hingegen die verkehrstechnisch am besten erreichbare grössere Stadt für alle Ausserrhoder.» Bezüglich Brauchtum und Tradition sei das Appenzellerland umgekehrt aber ein Anziehungspunkt für die St. Galler. Für Andreani ist der Fall klar: «Politisch und verwaltungstechnisch ist Herisau der Kantonshauptort.» Auch wirtschaftlich gesehen habe die Gemeinde aufgrund einiger Firmen mit internationaler Ausstrahlung wie Huber Suhner die grösste Bedeutung. «Herisau ist ferner ein wirtschaftliches Zentrum für manche Gossauer, Stadtsanktgaller und Thurgauer.» Das zeigten die täglich rund 8000 Zu- und Wegpendler, sagt Andreani.

Bahnhofareal als Chance

Herisau positioniert sich als Ort mit dörflichem Charakter und gleichzeitig städtischer Note. Die Nähe zu St. Gallen hat laut dem Gemeindepräsidenten Vor- und Nachteile. Einerseits profitiere die Herisauer Bevölkerung vom kulturellen Leben in der Stadt, andererseits seien die Einkaufszentren in Winkeln eine Konkurrenz für das Gewerbe. Dank des Migros-Neubaus soll das Einkaufen in der Gemeinde wieder an Attraktivität gewinnen. Herisau müsse sein Profil noch mehr schärfen, sagt Andreani. Wie der Gemeinderat dies konkret bewerkstelligen will, wird sich nach den Sommerferien zeigen. Dann will er seine Ideen zur Zentrumsentwicklung vorlegen. Andreani erwähnt in diesem Zusammenhang das Bahnhofareal. Dieses habe grosses Potenzial für eine urbane Entwicklung.

Seit Jahrhunderten orientiert sich Ausserrhoden stark nach St. Gallen. (Bild: Reto Martin)

Seit Jahrhunderten orientiert sich Ausserrhoden stark nach St. Gallen. (Bild: Reto Martin)

Stefan Sonderegger Leiter Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen (Bild: Coralie Wenger)

Stefan Sonderegger Leiter Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen (Bild: Coralie Wenger)

Renzo Andreani Gemeindepräsident Herisau (Bild: apz)

Renzo Andreani Gemeindepräsident Herisau (Bild: apz)