HERISAU: Vom Dach der Welt in die Käserei

Vor rund sechs Jahren ist Chodaryangdrö Tsultim Gyatso als Flüchtling aus Tibet in die Schweiz gekommen. Mittlerweile wohnt er in Herisau, hat Deutsch gelernt und arbeitet in einem Hotel in Zürich.

Patrick Baumann
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Chodaryangdrö Tsultim Gyatso lebt seit sechs Jahren in der Schweiz. (Bild: pab)

Chodaryangdrö Tsultim Gyatso lebt seit sechs Jahren in der Schweiz. (Bild: pab)

HERISAU. Chodaryangdrö Tsultim Gyatso hat in seiner Heimat Tibet dafür gekämpft, dass die Tibeter ihre buddhistische Religion ausleben dürfen. Gewalt habe er dabei nach eigenen Angaben nicht angewendet. Trotzdem wird er von der chinesischen Regierung verfolgt, weshalb er 2010 in die Schweiz flüchtete. Angekommen ist er in Kreuzlingen. Die ersten dreieinhalb Jahre war er im Asylverfahren. Nach dem Aufenthalt in Kreuzlingen wurde er ins Asylheim Landegg verlegt. Mittlerweile lebt er in Herisau und ist ein vorläufig aufgenommener Flüchtling. Bald erhält er den Ausweis B, womit er als anerkannter Flüchtling gelten wird.

Sprache als Schlüssel

Während der ersten dreieinhalb Jahre im Asylverfahren habe er in der Integra Schule in St. Gallen Deutsch gelernt, sagt Gyatso. Die Integra Schule, welche ein Angebot des Solidaritätsnetzes in St. Gallen ist, bietet Menschen im Asylverfahren die Möglichkeit, Sprachkenntnisse zu erwerben. «Dass ich in meinen ersten Jahren in der Schweiz überhaupt Deutsch lernen konnte, habe ich den Menschen des Solidaritätsnetzes St. Gallen zu verdanken», sagt Gyatso. «Ich habe erkannt, dass die Sprache der Schlüssel zum Erfolg ist.» Dank der erworbenen Deutschkenntnisse fand Gyatso, sobald er den Status eines vorläufig aufgenommenen Flüchtlings hatte, eine Stelle in einer Käserei in Uzwil. «Ich arbeitete dort gut ein Jahr lang stets in der Nacht», sagt Gyatso. «In der Käserei packte ich überall mit an. Meine Aufgaben bestanden beispielsweise darin, den Käse abzuholen, zu verschicken oder zu wiegen.» Vor kurzem hat Gyatso eine neue Stelle als Nachtportier in einem Zürcher Hotel angenommen.

Identifikation mit der Schweiz

Ihm sei es wichtig, der Gesellschaft, die ihn aufgenommen hat, etwas zurückzugeben, sagt Gyatso. «Deshalb gebe ich mir grosse Mühe bei meiner Arbeit, um auch weiterhin nicht auf Sozialhilfe angewiesen zu sein. Zudem achte ich sehr genau auf die Gesetze und Gepflogenheiten der Schweiz.» Neben seiner täglichen Arbeit engagiert sich Gyatso für andere Flüchtlinge und ist im Vorstand des Solidaritätsnetzes St. Gallen. «Wir Tibeter sind der Schweizer Bevölkerung und der Regierung sehr dankbar, dass sie uns aufnehmen», sagt Gyatso. «Ich hoffe, dass hier auch weiterhin Menschen in Not geholfen wird.» In der Schweiz habe er nur wenig Negatives erlebt. Trotzdem würde er gerne in seine Heimat zurückkehren, wenn er könnte.

Dieser Text ist Teil mehrerer Beiträge zum Thema Flüchtlinge.