Herisau
Ein Kammermusikabend der Gegensätze zum Abschluss

Das Carmina-Quartett liess die Saison 2021/22 der Casino-Konzerte Herisau ausklingen.

Martin Hüsler
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Wendy Champney, Agata Lazarczyk, Chiara Enderle Samatanga und Matthias Enderle bilden das Carmina-Quartett.

Wendy Champney, Agata Lazarczyk, Chiara Enderle Samatanga und Matthias Enderle bilden das Carmina-Quartett.

Bild: PD

Mit Streichquartetten von Joseph Haydn und Franz Schubert nahm das Carmina-Quartett bedeutende Werke aus Klassik und Romantik ins Programm des sechsten Casino-Konzerts. Einen Kontrapunkt dazu setzte es mit einer gattungsgleichen Komposition von Karol Szymanowski.

Erstklassiger Ruf

Dem 1984 gegründeten Carmina-Quartett eilt ein erstklassiger Ruf voraus. Nachdem vor einigen Jahren zwei Schicksalsschläge einen Weiterbestand des Ensembles in Frage stellten, bereichert es nun seit 2018 in neuer Zusammensetzung den Konzertbetrieb weiterhin – erfreulicherweise, darf man sogleich anfügen. Zu den beiden Gründungsmitgliedern Matthias Enderle (1. Violine) und seiner Partnerin Wendy Champney (Viola) sind deren Tochter Chiara Enderle Samatanga (Cello) und die aus Polen stammende Agata Lazarczyk (2. Violine) gestossen. Letztere war in der Saison 2019/20 stellvertretende Konzertmeisterin des Sinfonieorchesters St. Gallen und gehört nun als Stimmführerin der 2. Violinen der Argovia Philharmonic an. Dass die Casino-Gesellschaft Herisau eine Formation von solchem Renommee verpflichten konnte, hat sich als Glücksfall erwiesen.

Haydn zum Auftakt

Den Anfang machte das Carmina-Quartett mit dem Streichquartett C-Dur op. 33/3 von Joseph Haydn (1732 – 1809), dergestalt dem wohl massgebendsten Schöpfer des Gattungsgenres die Reverenz erweisend. Die Komposition trägt den Beinamen «Vogelquartett». Der in Fachkreisen vertretenen Meinung, diese Bezeichnung sei unpassend, liesse sich entgegenhalten, dass gerade im eröffnenden Allegro moderato oder im abschliessenden Rondo sehr wohl Assoziationen zu Vogellauten entstehen. Sichtlich lustvoll und mit Schwung ging das Quartett seine Aufgabe an, wobei es der intime Rahmen der Casino-Konzerte immer auch zulässt, die Emotionen der Interpretierenden gut wahrnehmen zu können. Zu gefallen wusste die Zwiesprache zwischen 1. Violine und Viola im mit vielen Trillern verzierten Scherzo. Den mit «Adagio ma non troppo» überschriebenen, vielgestaltigen 3. Satz empfanden wir als den eingängigsten.

Teils beklemmende Stimmung

Was für eine andere Welt tat sich beim zweiten Werk auf! Karol Szymanowski (1882 – 1937), im damals polnischen Teil der Ukraine geboren, ging in seinem kompositorischen Schaffen Wege, auf die ihn in seiner Heimat zunächst niemand begleiten wollte. Nach längeren Aufenthalten im Ausland kehrte er 1919 nach Polen zurück und fand nun mehr und mehr Anerkennung. Grosse Eigenständigkeit prägt seinen mit «polnischem Impressionismus» etikettierten Stil, der mitunter die Grenze zur Atonalität ritzt. Agata Lazarczyk als gebürtige Polin nahm die gegenwärtige Situation in der Ukraine zum Anlass für ein kurzes politisches Statement, bevor das Streichquartett Nr. 1 C-Dur op. 37 mit einem Allegro moderato anhob. Der irgendwie wehklagende, gleichwohl aber in grösster Intensität wiedergegebene Beginn evozierte unwillkürlich eine beklemmende Stimmung, die an das gemahnte, was uns in diesen Tagen an Schrecknissen erreicht – vor mehr als hundert Jahren komponiert, aber von beklemmender Aktualität. Wohl niemand blieb davon unberührt. Auf das liedhafte Andantino des zweiten Satzes folgte ein in krassem Gegensatz zum Vorangegangenen stehendes Scherzando alla burlesca mit teils geradezu grotesk wirkenden Passagen und reichlich Pizzicati.

Monument zum Abschluss

Mit dem Streichquartett G-Dur op. 161 von Franz Schubert (1797 – 1828) setzte das Carmina-Quartett den Schlusspunkt hinter das «extreme Programm», wie es Primgeiger Matthias Enderle ausdrückte. Das 1826 entstandene Werk ist von monumentalen Dimensionen und offenbart einen Schubert, der über die Grenzen dessen geht, was bis dahin mehr oder weniger als Norm galt. Der höchst anspruchvollen Aufgabe nahm sich das Quartett in exemplarischer Meisterschaft an und lotete sie in alle Verästelungen aus. Genau aufeinander abgestimmt kam das Flirrende im ersten Satz daher, seelenvoll und warm gestaltete Chiara Enderle Samatanga ihren Part im Andante und überzeugend wurden die Vier dem vivace im Scherzo gerecht. Alles in allem eine grossartige Interpretation.

Als ausgesprochen neckisch empfand die Zuhörerschaft schliesslich die Zugabe: eine heiter-schräge Komposition der 1974 in Schaffhausen geborenen Violinistin Helena Winkelmann.