Harmos, das grosse Hin und Her

«Das Harmos-Konkordat – Eckpfeiler einer guten, modernen Volksschule», so lautete der Titel der Podiumsdiskussion, die am Mittwoch in Wattwil stattfand. Stefan Kölliker, Vorsteher des Bildungsdepartements, hielt zu Beginn ein Referat.

Anina Rütsche
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Das Konkordat umfasst die Vereinheitlichung der Volksschule. (Bild: Coralie Wenger)

Das Konkordat umfasst die Vereinheitlichung der Volksschule. (Bild: Coralie Wenger)

WATTWIL. In zweieinhalb Wochen stimmen wir St. Gallerinnen und St. Galler darüber ab, ob unser Kanton im Harmos-Konkordat verbleiben soll oder nicht. Ein kontroverses Thema, das im Vorfeld für Diskussionsstoff sorgt – nicht nur bei Lehrpersonen, sondern auch bei Vertretern der Parteien und des Gewerbes.

Sechs Befürworter, ein Gegner

Am vergangenen Mittwochabend trafen am Berufs- und Weiterbildungszentrum Toggenburg in Wattwil (BWZT) sieben Persönlichkeiten aufeinander, welche vor Publikum über Harmos diskutierten – kontrovers, teilweise angriffig, aber auch erklärend. Es waren dies Regierungsrat Stefan Kölliker, Vorsteher des kantonalen Bildungsdepartements, Frédéric Schiess (FDP), Unternehmer aus Wattwil, Rudolf Sterzing, Oberstufenlehrer und Gemeinderat aus Wattwil, Norbert Stieger, Schulratspräsident Wattwil-Krinau, Christoph Thurnherr (SP), Kantonsrat aus Wattwil, Andreas Widmer (CVP), Kantonsrat aus Mühlrüti sowie Sandro Wasserfallen, Lehrer und Kantonsrat aus Goldach. Sandro Wasserfallen trat an diesem Anlass als einziger Befürworter des Harmos-Austritts auf, die anderen Redner möchten, dass St. Gallen im Konkordat verbleibt. Urs M. Hemm, stellvertretender Redaktionsleiter des Toggenburger Tagblatts, moderierte dieses überparteiliche Gespräch.

«Unsere Schule ist vorbildlich»

Den informativen Abend leitete Regierungsrat Stefan Kölliker mit einem Eintretensreferat ein. Zunächst ging der Vorsteher des kantonalen Bildungsdepartements auf die Geschichte und die Hintergründe des Konkordats ein (siehe Zweittext). Er erwähnte auch, dass nicht das Harmos-Konkordat an sich der Grund sei für die Anpassungen im Schulsystem, sondern der Bildungsartikel in der Verfassung. Zu Beginn seiner Amtszeit sei er übrigens gegen Harmos gewesen, erzählte Stefan Kölliker. Doch je öfter er sich im Rahmen seiner Arbeit mit dem Konkordat auseinandergesetzt habe, desto mehr habe ihn Harmos überzeugt. Eine Vereinheitlichung über die Kantonsgrenzen hinweg ist laut Stefan Kölliker ökonomisch sinnvoll. Auch für die meisten Schülerinnen und Schüler lohne sich Harmos, denn das Konzept orientiere sich an Mehrheiten, nicht an Minderheiten. «Die Harmos-Vereinbarung hat sich in der Praxis bewährt, und sie gibt den Kantonen genug Freiheiten, um eigene Wünsche umzusetzen», sagte der Regierungsrat. «St. Gallen hat eine ausgezeichnete Volksschule, um die uns andere Kantone beneiden», hob Stefan Kölliker zum Abschluss seines rund halbstündigen Vortrags hervor.

«Kanton soll selbst entscheiden»

Nach Stefan Köllikers Einleitung stiegen die sechs weiteren Experten in die Diskussionsrunde ein, allen voran Harmos-Kritiker Sandro Wasserfallen (SVP). Dieser sagte, dass er sich in seiner Berufsausübung als Lehrer vom Harmos-Konkordat eingeschränkt fühle: «Wir können die Entwicklungen zu wenig beeinflussen.» Er brachte als Beispiel das Thema Französisch und Englisch auf der Primarstufe ein: «Aus pädagogischer Sicht finde ich zwei Fremdsprachen in diesem Alter zu viel.» Die Bildungshoheit der Kantone sei hier entscheidend.

Die Einführung der Blockzeiten und Tagesstrukturen hingegen – insbesondere die Mittagstische, eine oft formulierte Kritik der Initianten – befürwortet Sandro Wasserfallen.

«Tagesgeschäft läuft sehr gut»

Schulratspräsident Norbert Stieger sagte, er befürworte die Tatsache, dass sich die Lernziele und die Inhalte des Unterrichts an Eckpfeilern orientierten. Andreas Widmer (CVP) fand, man müsste aufpassen, dass man betreffend Harmos «nicht zu schwarzweiss politisiere», denn es gebe immer Zwischentöne. Und: «Die Diskussion soll nicht auf dem Buckel der Kinder ausgetragen werden.» Auch Oberstufenlehrer Ruedi Sterzing äusserte die Meinung, man solle beim Tagesgeschäft der Schule bleiben und nicht zu sehr auf die Theorie fokussieren: «Unser Alltag zeigt, dass es in der Schule sehr gut läuft.» Christoph Thurnherr (SP), der als Lehrer in Allgemeinbildung am BWZT tätig ist, sagte: «Die Schule ist permanent in Veränderung, das ist normal.» Frédéric Schiess (FDP), Ingenieur bei der Schiess AG in Lichtensteig, betonte die Wichtigkeit der mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer in der Grundbildung: «Nicht nur die Sprachfächer sollten im Vordergrund stehen.»

Nach einer Dreiviertelstunde wurde die Diskussion für die rund 50 Zuhörerinnen und Zuhörer im Saal geöffnet. Im Gegensatz zu den Politikern schien im Publikum die Mehrheit gegen Harmos, für den Austritt aus dem Konkordat und somit für ein Ja an der Urne zu sein.

Podiumsdiskussion unter der Leitung von Urs M. Hemm (von links nach rechts): Rudolf Sterzing, Norbert Stieger, Frédéric Schiess, Stefan Kölliker, Andreas Widmer und Christoph Thurnherr befürworten Harmos. Sandro Wasserfallen (ganz rechts) setzt sich dafür ein, dass die Initiative angenommen wird und der Kanton St. Gallen das Konkordat verlässt. (Bild: Anina Rütsche)

Podiumsdiskussion unter der Leitung von Urs M. Hemm (von links nach rechts): Rudolf Sterzing, Norbert Stieger, Frédéric Schiess, Stefan Kölliker, Andreas Widmer und Christoph Thurnherr befürworten Harmos. Sandro Wasserfallen (ganz rechts) setzt sich dafür ein, dass die Initiative angenommen wird und der Kanton St. Gallen das Konkordat verlässt. (Bild: Anina Rütsche)

Sandro Wasserfallen Lehrer und SVP-Politiker aus Goldach (Bild: Regina Kühne)

Sandro Wasserfallen Lehrer und SVP-Politiker aus Goldach (Bild: Regina Kühne)

Stefan Kölliker Vorsteher des kantonalen Bildungsdepartements (Bild: David Suter)

Stefan Kölliker Vorsteher des kantonalen Bildungsdepartements (Bild: David Suter)