Gericht glaubt nicht an Diebstahl

Ein Toggenburger erklärte Schüsse auf die Ehefrau damit, dass er geglaubt habe, sie habe ihm Geld gestohlen und damit flüchten wollen. Das Kantonsgericht hält diese Darstellung für eine reine Schutzbehauptung und verwirft den Antrag, auf versuchten Totschlag zu entscheiden.

Martin Knoepfel
Drucken

ST. GALLEN. Das Kantonsgericht hat ein Urteil des Kreisgerichts Toggenburg vom 26. Juni 2012 weitgehend bestätigt und attestiert diesem eine überzeugende Würdigung der Beweise. Das geht aus der nun vorliegenden Urteilsbegründung hervor.

Kürzere Probezeit

Am Abend des 6. Dezember 2009 hatte ein im Toggenburg lebender Schweizer auf seine damals von ihm getrennt lebende Ehefrau geschossen, erst in seinem Haus und – als sie flüchtete – von der Terrasse aufs Auto, in dem sie wegfuhr. Die Schüsse aufs Auto wurden aus einer Entfernung von 19 bis 29 Metern abgegeben. Das Kreisgericht wertete die Schüsse als eventualvorsätzliche Tötung und sprach eine teilbedingte Strafe von drei Jahren aus.

Das heisst, ein Jahr muss der Mann, ein Unternehmer, absitzen, wobei die Untersuchungshaft von 29 Tagen angerechnet wird. Die Dauer der unbedingten Strafe schliesst eine Verbüssung in Halbgefangenschaft nicht aus. Zwei Jahre der Freiheitsstrafe sind bedingt erlassen, weil der Mann sich seit jener Tat gut verhalten hat. Die Probezeit hat das Gericht von fünf auf drei Jahre verringert.

Keine Notwehr

Er habe geglaubt, seine Frau habe ihm 110 000 Franken in bar, die er im Haus aufbewahrt habe, gestohlen. Er habe deshalb verhindern wollen, dass sie mit dem Geld flüchte und auf die Reifen des Autos gezielt. So hatten der Verurteilte und sein Anwalt vor dem Kantonsgericht argumentiert. Das Kantonsgericht wertet das in der Urteilsbegründung als reine Schutzbehauptung.

Von einer irrtümlichen oder übertriebenen Notwehr des Verurteilten kann nach Ansicht des Gerichts keine Rede sei. Dass die 110 000 Franken überhaupt im Haus aufbewahrt worden seien, sei nicht erwiesen. Es gebe jedenfalls keinen Anlass, die Aussage der Frau anzuzweifeln, die den Vorwurf des Diebstahls zurückgewiesen hatte. Die Frau hätte zudem nicht kurz nach den Schüssen aufs Auto den Polizeinotruf alarmiert, wenn sie die Beute im Auto mitgeführt hätte, schreibt das Gericht. Die einige Zeit später bei der Frau vorgenommene Haussuchung blieb ergebnislos. Das Kantonsgericht geht vielmehr davon aus, dass der Mann es nicht verwinden konnte, dass die Frau sich von ihm trennen wollte.

«Krass sorgfaltswidrig»

Der Verurteilte sei kein geübter Schütze gewesen und zum Tatzeitpunkt betrunken. Er habe krass sorgfaltswidrig gehandelt, als er aufs Auto schoss, und damit den Tod der Frau in Kauf genommen. Indirekt übt das Kantonsgericht Kritik an der Arbeit der Staatsanwaltschaft. Es sei unklar, ob die Kugeln die Frau im Auto hätten verletzen können. Im Gegensatz zu anderen Fällen habe die Staatsanwaltschaft das nicht abgeklärt, heisst es in der Urteilsbegründung. Der Verurteilte habe die Situation am Tatabend selber verschuldet. Von einer entschuldbaren heftigen Gemütserregung könne hier nicht die Rede sein. Das aber wäre nötig, damit eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags möglich gewesen wäre. Ein Durchschnittsmensch hätte in einer vergleichbaren Situation nicht so reagiert wie der Toggenburger an jenem Abend, hält das Kantonsgericht fest. Versuchter Totschlag ist ein weniger schweres Delikt als versuchte vorsätzliche Tötung. Der Verteidiger hatten in einem Eventualantrag auf schuldig wegen versuchten Totschlags plädiert.

Andererseits sagt das Kantonsgericht, dass die Schüsse auf die Frau nicht von langer Hand geplant worden seien. Das Kantonsgericht nimmt dem Verurteilten unter Berufung auf die Aussage eines Zeugen ab, dass die Pistole noch auf dem Tisch lag, weil er am Vortag eine kranke Katze erschossen hatte.

Weiterzug möglich

Ein Verkehrsdelikt – Autofahren mit 1,75 Promille Alkohol im Blut – ahndete das Kreisgericht mit einer bedingten Geldstrafe. Das Verkehrsdelikt war nicht Gegenstand der Berufung. Das Urteil des Kantonsgerichts ist noch nicht in Kraft und kann ans Bundesgericht weitergezogen werden. Der Anwalt des Verurteilten wollte am Freitag nicht sagen, ob sein Mandant diese Möglichkeit nutzen wird.