Ein Ziel, 1000 Ansprüche

Die Innenstadt ist nicht lebendig genug – ein Vorwurf, dem sich die Stadt und die Detaillisten gegenübergestellt sehen. Mit dem Projekt «Zukunft St. Galler Innenstadt» soll nun alles besser werden. Bei den vielen Interessen keine einfache Aufgabe.

Elisabeth Reisp
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Ist die Innenstadt hübsch genug? Oder gar zu hübsch? Die Meinungen gehen am Forum weit auseinander. Bild: Samuel Schalch/Benjamin Manser (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Ist die Innenstadt hübsch genug? Oder gar zu hübsch? Die Meinungen gehen am Forum weit auseinander. Bild: Samuel Schalch/Benjamin Manser (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

St. Gallens Innenstadt muss attraktiver werden, in diesem Punkt sind sich viele einig, die dort leben und arbeiten, einkaufen und essen, bummeln und Kultur geniessen. Was Attraktivität aber ausmacht, da gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Um den gemeinsamen Nenner zu finden und einen Plan zu entwickeln, wie die Innenstadt wiederbelebt werden kann, haben die Stadt St. Gallen und Wirtschaftsverbände das Projekt «Zukunft St. Galler Innenstadt» angestossen.

Am Mittwoch haben die Verantwortlichen die innerstädtischen Hauseigentümer und Ladenbesitzer sowie Fachleute verschiedener Amtsstellen eingeladen, im Rahmen eines Forums zu diskutieren und Ideen für eine belebte Innenstadt zu sammeln. Als Perimeter wurde das Gebiet von der Lokremise, Bahnhof, Neumarkt bis zur Altstadt mit Kloster und St. Mangen gewählt.

Widersprüchliche Wünsche

Geleitet wurde das Forum von Stadtpräsident Thomas Scheitlin, Isabel Schorer, Leiterin der Standortförderung, und Ralph Bleuer, Präsident der Detaillistenvereinigung Pro City sowie mit Unterstützung des Beratungs- und Marktforschungsunternehmens Fuhrer und Hotz, das sich auf Einkaufsverhalten spezialisiert hat.

In vier Gruppen haben die Anwesenden vier verschiedene Themenblocks diskutiert. Stichworte waren Veranstaltungen, Lärm, Sicherheit, Erschliessung, Tourismus, Branchenmix und Gebäulichkeiten. Die Akteure waren aufgefordert, ihre Wünsche und Kritik anzubringen. Dabei zeigte sich, was des einen Freud ist, kann des anderen Frust sein. Eine Auswahl der Wortmeldungen: «Es gibt zu viele Events in der Stadt.» «Es gibt zu wenige Events in der Stadt.» «Es gibt viel zu viele Auflagen und Einschränkungen.» «Es hat zu wenig Blumen an den Häusern.» «Die Stadt ist zu schön, zu perfekt.» «Der Branchenmix stimmt nicht.» «Es fehlt an nichts.» «Es hat zu wenige oberirdische Parkplätze.» «Fussgänger und Autoverkehr müssen besser getrennt sein.»

Ein weiteres Thema waren auch die baulichen und gewerbepolizeilichen Auflagen. Die denkmalgeschützten Häuser in der Innenstadt unterstehen schärferen Vorgaben, was Umbau und Renovation betrifft. «Es ist weit herum bekannt, dass St. Gallen einschneidende Auflagen hat», sagte einer. Oft fühle man sich auch von der Stadt ausgebremst, was den Geschäftsalltag betreffe. Manchmal genüge schon eine Werbetafel vor dem Geschäft, um die Gewerbepolizei auf den Plan zu rufen, monierte ein anderer. Eine weitere Anwesende stellte die Frage, ob die Stadt aus der Innenstadt denn ein zweites Ballenberg machen wolle. Das wolle die Stadt natürlich nicht: «Die angebrachte Kritik kann ich aber gut annehmen. Auch die bringt uns weiter», sagte Thomas Scheitlin.

Ähnliches Projekt in Luzern

Mit Fuhrer und Hotz hat die Stadt ein renommiertes Beratungsunternehmen an Bord geholt. Ein ähnliches Projekt setzte es bereits in Luzern um. Was es in der Innenstadt braucht, weiss Marco Fuhrer, Mitinhaber der Firma, schon: «Es braucht mehr als gute Läden, um Leute in die Stadt zu locken. Es braucht Gastrobetriebe und Atmosphäre.» Der Strukturwandel und das veränderte Einkaufsverhalten zwingen zum Handeln: die Stadt, aber auch die Detaillisten und die Liegenschaftsbesitzer. Wenn sich etwas ändern soll, müssen sich alle bewegen. Diese Erkenntnis dürfte beim einen oder anderen der rund 100 Anwesenden am Ende des Forums durchgesickert sein.

Damit ist ein erstes von bisher vier geplanten Foren über die Bühne gegangen. In diesem Jahr sollen zwei weitere Foren folgen. Im ersten Quartal des nächstens Jahres wollen die Verantwortlichen einen ersten Entwicklungsplan vorlegen.