Ein Hauptort wird entthront

TROGEN. Ausserrhodens ehemaliger Hauptort, Trogen, soll bald nicht mehr Sitz der Kantonspolizei sein. Der immer noch heimliche Hauptort droht in Bedeutungslosigkeit zu versinken, falls nicht neue Ideen dem einstigen Landsgemeindeort neuen Pepp verpassen.

Margrith Widmer, sda
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Prunkbauten und einladende Plätze in Trogen. (Bild: Philippe Reichen)

Prunkbauten und einladende Plätze in Trogen. (Bild: Philippe Reichen)

Die Rhode Trogen war im 15. Jahrhundert die grösste. Bei der Landteilung 1597 wurde Trogen Hauptort. Im 18.Jahrhundert gestaltete die Kaufmanns-Familie Zellweger den Landsgemeindeort.

Die durch Leinen-, Baumwoll-, Kolonialwaren- und Sklavenhandel reich gewordenen Kaufleute liessen sich auf dem Landsgemeindeplatz Prunkpaläste bauen und verwandelten ihn in eine italienische Piazza. Ohne sie wäre Trogen ein Bauerndorf geblieben.

Kaffee, Zucker und Kakao
Ein grosser Teil der kaufmännischen Aktivitäten der Zellweger sei auf jenes transatlantische Wirtschaftssystem gestützt gewesen, das auf der Versklavung von Millionen von schwarzen Afrikanerinnen und Afrikanern beruht habe, schreibt der St.Galler Historiker Hans Fässler in seinem Buch «Reise in Schwarz-Weiss».

Die Zellweger handelten nicht nur mit Baumwolle, sondern auch mit «Kolonialwaren»: Sie importierten sklavereiproduzierten Kaffee aus der spanischen Kolonie Puerto Rico, wo die Sklaverei erst 1873 abgeschafft wurde.

Sie importierten von Sklaven produzierten Zucker, Kakao und Textilfarbstoffe wie Indigo und Cochenille von den französischen Antillen. Dort wurde die Sklaverei 1848 abgeschafft. Als die Zellweger-Brüder starben, hinterliessen sie Millionenvermögen.

Weniger Sicherheit
Im 19. Jahrhundert wurde die kantonale Verwaltung nach Herisau verlegt. Trogen blieb Gerichts- und Polizeisitz. Vorläufig hat Trogen noch die meisten Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor. In einigen der Steinpaläste der Zellweger mit ihrem prunkvollen Innenausbau ist heute noch die Kantonspolizei eingepfercht.

Aber die verwinkelten Prunkbauten sind für eine moderne Polizei untauglich. Deshalb soll sie ins Zeughaus Herisau verlegt werden. Das bringt für Herisau mehr, aber für Trogen weniger Sicherheit, wie der ehemalige Trogner Gemeindepräsident, Bruno Eigenmann sagt. Denn: Trogen ist bei Einbrüchen und Sachbeschädigungen das Schlusslicht im Kanton.

Arbeitsplätze werden verloren gehen. Läden, Restaurants, das örtliche Gewerbe und die Post werden die Abwesenheit der Polizei am stärksten zu spüren bekommen. «Keine Katastrophe, aber ein langsamer Abbau, eine schleichende Schwächung,» sagt Eigenmann. Ob das Gericht in Trogen bleibt, ist politisch noch nicht ausdiskutiert.

Wie die Weber lebten
Was aus den Prunkpalästen der Zellweger wird, ist ungewiss. Doch da hat der Trogner Konzeptkünstler H.R. Fricker eine Idee: «In den frei werdenden Räumen könnte die Arbeit der Sticker und Weber gezeigt werden, mit denen die Zellweger reich geworden sind,» schlägt er vor.

«Das stört mich an Trogen: dass nirgends dokumentiert ist, unter welchen Bedingungen die Sticker und Weber arbeiteten. Hier könnte dargestellt werden, was sie leisten. Das ist keine Kritik an den 'Ausbeutern'. Mir fehlt eine sichtbar gemachte Arbeitswelt der Weber und Sticker.»

Das «Boshafte» daran wäre höchstens, dass die Lebenswelt der Sticker und Weber in den Palästen dargestellt würde. Ebenso könnte die Bereicherung durch den Sklavenhandel mit einbezogen werden, so der Künstler.