Dorfgeschichte
«Er kam noch vor dem Herrgott»: Vor 100 Jahren begann in Oberegg die Diktatur von Pfarrer Johann Meli, der auch Sympathien für Adolf Hitler hegte

«Er kam noch vor dem Herrgott», bringt es der heute in Heiden wohnhafte Oberegger Otto Ulmann auf den Punkt. Gemeint ist der 1921 eingesetzte Pfarrer Johann Meli, der seine Schäfchen mit eiserner Faust regierte und unter anderem von der Kanzel herab gegen den Dramatischen Verein wetterte, der das Lustspiel «Diejenige Dame, welche…» aufzuführen gedachte.

Peter Eggenberger
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Der von 1921 bis 1957 in Oberegg tätige Pfarrer Johann Meli «regierte» seine Schäfchen mit eiserner Faust.

Der von 1921 bis 1957 in Oberegg tätige Pfarrer Johann Meli «regierte» seine Schäfchen mit eiserner Faust.

Bild· Adolf Sonderegger/Bezirksarchiv Oberegg

Was gut und böse, gottgefällig oder teuflisch war, entschied ab 1921 der aus Mels stammende Pfarrer Johann Meli, der bis 1957 in Oberegg in diktatorischer Manier wirkte. Seiner Meinung nach enthielt das erwähnte, 1934 vorgesehene Theaterstück zweideutige Stellen. Und als im gleichen Jahr das Schwimmbad in Heiden fertiggestellt war, wurde ein striktes Besuchsverbot ausgesprochen. Männlein und Weiblein gleichzeitig und leicht bekleidet im Wasser war für Meli nichts anderes als Unzucht, die keinesfalls toleriert werden durfte.

Frau mit Bubikopf öffentlich beschimpft

Als sich in den späten 1920er Jahren auch junge Obereggerinnen für einen Kurzhaarschnitt entschieden, beschimpfte Meli 1928 eine 22-jährige Frau mit Bubikopf in aller Öffentlichkeit. «Der rigorose Moralismus, der sich gegen alles auch nur vermeintlich Sexuelle richtete, wurde von Meli vehement verfochten», schreibt David Hänggi-Aragai im Buch «Oberegger Geschichte». Und als in abgelegen Weilern wohnhafte Mädchen eines Winters mit viel Schnee mit Hosen statt Röcken bekleidet in der Kirche erschienen, wurde augenblicklich ein striktes Hosenverbot für das weibliche Geschlecht verhängt.

Niemand getraute sich zu widersprechen

Otto Ulmann ist im Haggen und damit hinter dem St. Anton in einer zwölfköpfigen Familie aufgewachsen. «Wir Kinder sind jeden Sonntag vier Stunden für die von Meli dominierte Kirche gelaufen», erinnert er sich. «Bereits im frühen Schulalter hatten wir an Sonntagen zweimal den weiten Hin- und Rückweg zur Kirche zurückzulegen. Was der Pfarrer anordnete, durfte keinesfalls in Zweifel gezogen werden. Niemand getraute sich zu widersprechen, die Faust wurde lediglich im Sack gemacht. Meli schien weit über dem Herrgott zu stehen. Und er würde sich zweimal im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass 1976 mit Hans Bruderer ein Bezirkshauptmann reformierten Glaubens gewählt wurde», erinnert sich der heute 86-jährige. Dazu Historiker David Hänggi: «Das katholische Oberegg war von etwa 1850 bis 1950 eine in sich stark geschlossene Sondergesellschaft. Die Kirche durchdrang den Alltag ihrer ‹Schäfchen› in einem vorher nicht bekannten Ausmass.»

Sympathien für Adolf Hitler

«Meli beherrschte unsere Gemeinde», schreibt Max Sonderegger-Stierli (1931 – 2019) in seinem Jugenderinnerungen enthaltenden Buch «Christelehr ond wääche» klipp und klar. «Schon die Generation meiner Eltern hatte mehr als nur Respekt vor ihm. Er kannte nur schwarz und weiss, wobei er diktatorisch bestimmte, was schwarz oder weiss zu sein hatte. Im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs zeigte Meli erhebliche Sympathien für Hitler. Er erwähnte immer wieder lobend, Hitler komme aus einem gut katholischen Haus und habe mit dem Vatikan ein Konkordat abgeschlossen.»

Beizenhocker aus dem Wirtshaus verjagt

Sonderegger weiter: «An einem Kirchenfest vermutete der Pfarrer, dass die an der Prozession beteiligten Angehörigen des Festmilitärs zu lange in den Beizen hockten. Wütend klopfte Meli die verschiedenen Restaurants ab und vertrieb die Uniformierten. Danach zirkulierte in Oberegg der Spruch ‹Der Polizist rundet mit der Pistole, der Pfarrer mit der Stola›. 1957 fand die diktatorische Herrschaft von Johann Meli ihr Ende, wurde er doch von seinem Nachfolger Johann Niklaus Fässler aus Appenzell abgelöst.»