Die natürliche Neugier nutzen

SCHÖNENGRUND-WALD. Mit Beginn des Schuljahres 2015/16 wird an der Primarschule Schönengrund-Wald altersdurchmischt (ADL) unterrichtet. Unterstützt von Referenten mit Erfahrung mit ADL, informierte der Schulrat Eltern und Lehrpersonen über dieses Unterrichtssystem und dessen Herausforderungen.

Urs M. Hemm
Drucken
«Gleichaltrige Kinder sind nicht gleich und brauchen nicht das Gleiche» sagte Schulberaterin Gaby Niederer. Dennoch: Die Einführung von ADL bedeutet vor allem für die Lehrpersonen ein Umdenken und in der Vorbereitung wie auch in der Durchführung einiges an Mehrarbeit. (Bild: pd)

«Gleichaltrige Kinder sind nicht gleich und brauchen nicht das Gleiche» sagte Schulberaterin Gaby Niederer. Dennoch: Die Einführung von ADL bedeutet vor allem für die Lehrpersonen ein Umdenken und in der Vorbereitung wie auch in der Durchführung einiges an Mehrarbeit. (Bild: pd)

SCHÖNENGRUND–WALD. Im letzten Dezember hat der Schulrat der Primarschule Schönengrund-Wald beschlossen, auf das Schuljahr 2015/16 hin, vom Jahrgangs-, respektive Doppelklassensystem zum Mehrjahrgangsklassensystem zu wechseln. Was diese Umstellung für Schüler, Lehrer und Eltern konkret bedeutet, war der Themenschwerpunkt einer Informationsveranstaltung, zu der der Schulrat der Primarschule Wald-Schönengrund am Donnerstagabend geladen hatte. Als Referenten sprachen Esther Germann, Verantwortliche für den Bereich Unterricht, insbesondere Altersdurchmischtes Lernen (ADL), beim Departement Bildung des Kantons Appenzell Ausserrhoden, Hans-Peter Hotz, Schulleiter der Schule Reute in Heiden sowie Gaby Niederer, Mitarbeiterin ADL am Institut für Weiterbildung und Beratung an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. Hedy Hauser, Schulratspräsidentin der Primarschule Schönengrund-Wald, erläuterte die Beweggründe des Schulrates für den Wechsel, Schulleiter Markus Künzler moderierte die Veranstaltung.

Lernziel muss erreicht werden

Die demographische Entwicklung im Kanton Appenzell Ausserrhoden ist, bezogen auf die Schülerzahlen, in weiten Teilen mit jener des Kantons St. Gallen vergleichbar. So befanden sich die Schulen Reute und Grub in der gleichen Situation, wie Schönengrund-Wald heute, was Hedy Hauser in ihrer Einführung erläutert hatte. «Wie es der Schulrat hier in Schönengrund-Wald auch getan hat, haben auch wir unterschiedliche Lösungen geprüft, um die Schwankungen bei den Schülerzahlen aufzufangen. Doch keine war auf lange Frist gesehen verlässlich, sondern nur für kurzfristige Korrekturen geeignet», sagte Esther Germann. Der Entscheid für ADL habe folglich nichts damit zu tun, dass es das ultimativ beste Schulsystem sei. Unter den gegebenen Bedingungen habe es sich aber als die beste Lösung erwiesen, erläutert Germann.

Gleichwohl untersteht eine Schule mit ADL, wie Schulen mit dem traditionellen Klassensystem, auch dem Gesetz über Schule und Bildung. «Das bedeutet, dass die Kantonalen Lehrpläne gelten und einzuhalten sind, den Weisungen zur Beurteilung der Schüler Folge zu leisten ist und dass die Pensen der Lehrpersonen den Vorschriften entsprechen müssen.» Zudem unterstehe die Einführung von ADL einer Bewilligungspflicht durch den Kanton, sowohl im Appenzell Ausserrhoden, wie auch im Kanton St. Gallen. Dies bedinge sorgfältige Planung, Vorbereitung und Konzeption. «Darüber hinaus werden diese Projekte von Mitarbeitern des Kantons und von Fachpersonen begleitet», sagte Esther Germann.

Natürlichste Unterrichtsform

Restlos überzeugt vom System ADL ist Hans-Peter Hotz. An der Schule Reute startete das Projekt ADL im Jahr 2006, auf das Schuljahr 2010/11 wurde es definitiv eingeführt. «ADL ist die natürlichste Unterrichtsform. Oder kennen Sie einen anderen Bereich im Leben, wo Sie nur mit Gleichaltrigen zusammen sind?», fragte er die rund 70 anwesenden Eltern, Lehrpersonen und Behördenvertreter. Das gemeinsame Lernen und Arbeiten von Kindern unterschiedlichen Alters ermögliche es, deren natürliche Neugier zu nutzen, wenn beispielsweise Jüngere Interesse am Lernstoff der älteren Kinder haben. Damit würde den Kindern auch nicht ihre unbeschwerte Zeit im Kindergarten weggenommen, beschwichtigte er die Bedenken eines Besuchers. «Ein Kind holt sich genau das und davon auch nur so viel, wie es will. Wenn es keine Lust mehr hat, geht es wieder spielen.» Umgekehrt habe ein Kind auch die Chance Lernstoff, den es noch nicht vollständig verstanden hat, unkompliziert mit den jüngeren Kindern zu repetieren. «Kinder, die mit ADL lernen, sind nicht besser, aber auch nicht schlechter als Kinder, die eine traditionell geführte Schule besuchen. Wovon ich aber überzeugt bin ist, dass ADL-Kinder besser entwickelte Sozialkompetenzen haben und es sich gewohnt sind, selbständig zu arbeiten», so Hans-Peter Hotz.

Unterstützt die Entwicklung

Gaby Niederer betonte, was bereits ihre Vorredner herausgehoben hatten: «Gleichaltrige Kinder sind nicht gleich und brauchen nicht das Gleiche.» Sie war selber Lehrerin an einer Schule mit ADL und habe beobachten können, wie das miteinander, voneinander und nebeneinander Lernen der Kinder deren Entwicklung unterstützt und die Verschiedenheit der Kinder sinnvoll ausgenutzt und vor allem gefördert werden kann. «ADL ist für die Kinder und die Lehrpersonen eine Herausforderung, insbesondere aber auch eine Chance.»

Beantworteten offene Fragen: (von links) Gaby Niederer (Pädagogische Hochschule St. Gallen), Esther Germann (Departement Bildung AR), Hans-Peter Hotz (Rektor Schule Reute AR), Hedy Hauser (Schulratspräsidentin Primarschule Schönengrund-Wald) und Markus Künzler (Schulleiter Primarschule Schönengrund-Wald). (Bild: Urs M. Hemm)

Beantworteten offene Fragen: (von links) Gaby Niederer (Pädagogische Hochschule St. Gallen), Esther Germann (Departement Bildung AR), Hans-Peter Hotz (Rektor Schule Reute AR), Hedy Hauser (Schulratspräsidentin Primarschule Schönengrund-Wald) und Markus Künzler (Schulleiter Primarschule Schönengrund-Wald). (Bild: Urs M. Hemm)