Dichterstress

Als Jugendlicher war der Gang zur Buchhandlung oder zur Bibliothek für mich mit Freude erfüllt: All die Bücher, all die Geschichten, Begebenheiten, Gedankengänge, die es noch zu entdecken gab! Je älter ich werde, desto zähneknirschender gehe ich an den

Silvan Heuberger
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Bild: Silvan Heuberger

Bild: Silvan Heuberger

Als Jugendlicher war der Gang zur Buchhandlung oder zur Bibliothek für mich mit Freude erfüllt: All die Bücher, all die Geschichten, Begebenheiten, Gedankengänge, die es noch zu entdecken gab! Je älter ich werde, desto zähneknirschender gehe ich an den vollgestellten Regalen entlang. Zeit zum Lesen ist rar geworden, und ich überlege mir gut, welchen Büchern ich ein Stück meiner Freizeit gewähre. Denn die Konkurrenz ist gross: Sport, Filme, soziale Aktivitäten, Haushalt, Steuererklärung, Schlaf – sie alle wollen einen Teil meiner Abend- und Wochenendstunden. Schon manch ein Buch hat es in diesem harten Kampf nicht geschafft, bis zu Ende gelesen zu werden. Und auch die Zeitung wird oft ungelesen zum Altpapier gelegt. Die Freizeit ist so gefragt, sie müsste eigentlich kontingentiert werden: eine Stunde Haushaltarbeit, 30 Minuten Zeitung, 30 Minuten joggen, eine Stunde mit Freunden telefonieren… und so weiter. Ob ich mich bei dieser Stundenplan-Freizeit dann auch noch erhole, ist eher fraglich.

Ich habe oft Monate an einem Buch, auch wenn es gut ist. Ich lese in der Regel nur vor dem Einschlafen, selten auch im Zug. Wo soll ich da hinkommen in meinem Bestreben, die Welt zu belesen? Ich schöpfe den Literaturozean ja doch nur mit einem Suppenlöffel ab. Vielleicht ist bei Literatur aber eher Fischen denn Schöpfen angesagt, womit ich wieder am Anfang bin: Bücher wollen ausgewählt sein. Aber die Wahl ist Qual: Von Wolfgang Goethe bis Stephen King ist die Spanne gross. Häufig sitze ich Stunden im Geschäft, zwei Bücher in den Händen, und ringe mit mir. Welchem Dichter soll ich meine Aufmerksamkeit schenken? Welche Geschichte reisst mich mehr hinein? Manchmal seufze ich dann ein «Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust» und kaufe – poetisch in meinem Konsum bestätigt – beide.