Der Stadt-Land- Graben

Ich bin ein richtiges Landkind, aufgewachsen im beschaulichen, aber auch überschaubaren Heiden.

Hannes Weber
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Appenzeller Zeitung (Bild: Hannes Weber)

Appenzeller Zeitung (Bild: Hannes Weber)

Ich bin ein richtiges Landkind, aufgewachsen im beschaulichen, aber auch überschaubaren Heiden. Die nächste Kuh war nie weiter als einen kurzen Fussmarsch entfernt, wir konnten auf den Wiesen und in den Wäldern spielen, und keine Strasse durchkreuzte unsere Abenteuerlust.

Doch irgendwann packte mich die Faszination Stadt. Die häufiger werdenden Ausflüge innerhalb der Schweiz, Reisen in europäische Metropolen und das Studium lehrten mich, die höhere Dichte zu mögen, den schnelleren Puls zu geniessen und die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten wertzuschätzen. Und politisch empfand ich die Städterinnen und Städter immer schon als fortschrittlicher und weltoffener. Meine Einsätze für die Appenzeller Zeitung haben mir nun aber auch das Land wieder näher gebracht. Ich habe festgestellt, dass mir die Lebensweise nie so richtig fremd geworden ist, auch wenn ich davon zeitweise überzeugt war. Ein Beispiel: Bei einer Delegiertenversammlung der wählerstärksten Schweizer Partei fühlte ich mich plötzlich gar nicht so unwohl, wie ich das erwartet hatte – trotz meilenweiten politischen Differenzen! Die Bodenständigkeit und Nähe, die spürbar war, stand im krassen Gegensatz zur manchmal etwas distanzierten und unverbindlichen Art des Umgangs im städtischen Umfeld. Mittlerweile gehe ich immer wieder gerne und ganz bewusst weg vom hohen Tempo der Stadt in die verhältnismässige Ruhe auf dem Land. Sowohl das Stadt- als auch das Landleben haben für mich Vor- und Nachteile. Schön wäre es, wenn es mehr Besuche gäbe, von Urnäsch oder Oberegg nach Zürich und Genf, aber auch von Basel oder Lugano nach Walzenhausen und Appenzell. Und noch schöner wäre es, wenn das nicht nur touristische Kurzvisiten wären, sondern wenn dabei öfter ein Dialog entstehen würde. Davon könnten wir alle profitieren, bei aller Differenz und der Tiefe der «Stadt-Land-Gräben»: Das Land vom offenen Geist und der spannenden Dynamik der Städte und die Städte von der Bodenständigkeit und Ruhe des Landes.