«Denken macht glücklich»

Andreas Thiel war mit seinem Programm «Der Humor» im Landgasthof Sonne, Haus der Freiheit zu Gast. Er spielte an zwei Abenden vor vollen Reihen. Seine Themenvielfalt forderte.

Cecilia Hess-Lombriser
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Andreas Thiel: «Ich rede ja nur auf der Bühne und deshalb beschäftige ich meine Hände und trinke Champagner. In kleinen Schlucken.» (Bild: Cecilia Hess-Lombriser)

Andreas Thiel: «Ich rede ja nur auf der Bühne und deshalb beschäftige ich meine Hände und trinke Champagner. In kleinen Schlucken.» (Bild: Cecilia Hess-Lombriser)

EBNAT-KAPPEL. Die Kritiker hatten nach der Premiere des Programms «Der Humor» vom vergangenen November kaum ein gutes Haar daran gelassen. Was war also auf der Bühne des altehrwürdigen «Sonnen»-Saals zu erwarten? «Das Arbeitsumfeld des Satirikers verändert sich», sagte Andreas Thiel in seiner Einführung und meinte damit weniger die ländliche Bühne mit den gemalten Bergen im Hintergrund und den fast 100jährigen Diplomen von Eidgenössischen Schützenfesten an den Saalwänden, sondern die Tatsache, dass es Anschläge auf Satiriker gegeben hat und die Frage öffentlich diskutiert worden ist, wie weit Humor gehen darf. Unter diesen Eindrücken und der Erfahrung, selber als Rassist tituliert worden zu sein, ist das Programm entstanden. «Mein bisher anspruchsvollstes», sagt Thiel.

Was darf Satire?

Vor Parteikollegen und Bekannten von Toni Brunner, Menschen aus der Nähe und der Ferne, nach Hackbraten, Kartoffelstock und Gemüse, hetzte Andreas Thiel die Zuschauenden von einem Thema zum anderen, immer auf der Spur des Humors beziehungsweise der Erklärung dazu. «Sie ist die höchste Form der Erkenntnis», war eine davon. Zunächst verteidigte er jedoch die Daseinsberechtigung des Satirikers, der fast alles dürfe ausser töten. «Wenn er jedoch trifft, dann gibt es etwas zu lachen.» Und an den Abenden gab es einiges zu lachen, und manchmal blieb das Lachen im Hals stecken oder es wurde aus Höflichkeit – «der Schweizer ist höflich, der Deutsche freundlich» – gar unterdrückt. Bundesrätin Doris Leuthard ist eine von mehreren unsichtbaren Kunstfiguren auf der Bühne. Mit dem Eingangssatz «Satire ist kein Freipass» hatte die Bundesrätin mit einem Tweet das Attentat von Paris verurteilt. Sie muss nun bei Andreas Thiel als die alles hinterfragende, humorlose Figur hinhalten – stellvertretend.

Realitäten anders sehen

Der Künstler mit dem regenbogenfarbenen Irokesenschnitt kontert überraschend, geistreich, mit viel Hintergrundwissen, hält den Spiegel vor. «Wir Satiriker sind die Gesellschaftskritiker; es wäre schlimm, wenn man uns zum Schweigen bringen würde.» «Satiriker sind schwindelfreie Komiker. Die Satire bewegt sich so weit oberhalb der Gürtellinie, dass die Luft dünn wird», sind weitere Erklärungen zur Satire, und manchmal blieb einem sogar die Luft weg, denn Andreas Thiel grast fast die ganze Welt mit seinen Kulturen, Religionen, nationalen Eigenheiten und Auffassungen von Humor ab, dass es einem schier schwindlig hätte werden können. Die Politiker, Juristen und Marketingfachleute kommen dran und natürlich Schawinski. «Denken macht glücklich», ist Thiels Devise. Er steigt mit Mundart ein, wechselt auf Hochdeutsch, weil das Schweizerdeutsch zu viel Konjunktiv und Diminutiv hat und deshalb nicht verniedlicht werden kann, was bereits verniedlicht ist. «Wenn es jedoch um Macht und Geld geht, gibt es kein Diminutiv. Es gibt weder Bundeshüsli noch Polizeipöstli, und das Geld bringen wir nicht aufs Bänkli.» Überhaupt, das Verhältnis zwischen Deutschen und Schweizern ist ein langes Thema bei Thiel. Weiter kommen Kriegsgreuel und Enthauptungen vor; skurrile Szenen.

Leer schlucken. Thiel denkt anders; muss er ja. Er packt Realitäten in neue Kontexte, um erträglich bewusst zu machen, wie irr, gierig, neidisch, rassistisch und stolz Menschen vielfach sind.