Das Sprachrohr im Zug

In Biel steigt sie ein. Sie hat sechzehn Beine, füllt zwei Abteile und erweist sich als eine achtköpfige Wandergruppe, zweigeschlechtlich, vorgerückteren Alters.

Martin Hüsler
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Bild: Martin Hüsler

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In Biel steigt sie ein. Sie hat sechzehn Beine, füllt zwei Abteile und erweist sich als eine achtköpfige Wandergruppe, zweigeschlechtlich, vorgerückteren Alters. Jetzt ist's vorbei mit der Beschaulichkeit, wie sie uns nach einem schönen Tag im Neuenburgischen die Bahnfahrt entlang des Neuenburger- und Bielersees bescherte. Was die Gruppe erwandert hat, muss nun in sämtlichen Einzelheiten lautstark nacherzählt werden, zuhanden der übrigen Zugpassagiere. Aber es ist eigentlich nicht die Gruppe, die nacherzählt, sondern ihr Sprachrohr, männlich. Er monopolisiert das Gespräch in einer Weise, die die anderen mehr oder weniger zur Wortlosigkeit verdammt. Ob wir wollen oder nicht: Aus seinem Mund erfahren wir alles über die zurückliegenden Stunden der Gruppe, mehr als deutlich vernehmbar.

Aufgrund seines Dialekts verorten wir ihn im Aargau. Wenn wir also Glück haben, steigt die Gruppe in Aarau aus. Doch ab Solothurn kommen wir überdies in den Genuss seiner gründlichen fahrplantechnischen Kenntnisse. Er ist auch ein Kursbuch auf zwei Beinen. So weiss er, dass der Zug, warum auch immer, zwar in Oensingen hält, mit schlankem Anschluss nach Balsthal, nicht aber – oh Schreck – in Aarau. Gut, vielleicht ist Olten unser Rettungsanker. Doch die Gruppe bleibt sitzen. Dann müssen wir ihn halt bis Zürich ertragen. Oder seinetwegen den Wagen wechseln. Aber das empfänden wir dann doch als eine kleine Kapitulation. Und irgendwann ist ja sicher restlos alles geschildert. Zürich HB, Zürich Flughafen, Winterthur – Gruppe kompakt, Sprachrohr nach wie vor offen. In Wil verabschiedet sich das erste Gruppenmitglied, in Gossau das zweite. Die anderen sechs, darunter auch das Sprachrohr, fahren bis St. Gallen. Wir lernen, dass Aargauer auch in der Ostschweiz wohnen können. Reisen bildet.