Buben dürfen streiten

Auf meinem Nachttisch liegen zwei Bücher, beide geschrieben von Kinderpsychologen. «Kleine Machos in der Krise» heisst dasjenige des Zürcher Experten für Jugendgewalt Allan Guggenbühl.

Esther Ferrari
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Bild: Esther Ferrari

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Auf meinem Nachttisch liegen zwei Bücher, beide geschrieben von Kinderpsychologen. «Kleine Machos in der Krise» heisst dasjenige des Zürcher Experten für Jugendgewalt Allan Guggenbühl. Die Bücher behandeln das gleiche Thema, dasjenige von der schwierigen Suche nach männlicher Identität. Sie zeigen auf, wie Buben in vielem zu kurz kommen. Es fehle an männlichen Vorbildern. Die heutige Kultur sei weiblich, Schule und Erziehung von Frauen dominiert. Buben sollten mehr Freiheit haben, sich viel mehr bewegen können und weniger lange still und ruhig in der Schule sitzen müssen. Sie sollten kämpfen dürfen. Raufereien seien notwendig für die Sozialisation. Buben seien eingezwängt zwischen einer allgemeinen Harmonieseligkeit. Da, wo das Kämpfen ein Tabu sei und der spielerische Trieb zur Männlichkeit unterdrückt werde, entwickle sich Gewalt viel eher. In der heutigen Zeit wolle niemand das Männliche. Da haben wir den Salat. Eben erst kämpften die Frauen für ihre Gleichstellung, die sie immer noch nicht voll erreicht haben, und schon melden sich die Männer, dass sie irgendwo zu kurz kommen. Auch am Wirtshaustisch habe ich solches schon gehört. Wie kann den Buben geholfen werden? Auf ihrer Gefühlsebene? Vielleicht dürfen ihre Pläne und Phantasien, die oft in den Wolken liegen, nicht abgewertet werden. Soll ich mir Vorwürfe machen, weil ich als Mutter und als Grossmutter manchmal ausgerufen habe, wenn ich einen Bubenstreit nicht mehr hören konnte und auf den Tisch klopfte: «Gopfried Stutz, höred emol uuf met dere ewige Striiterei!» In meiner Kindheit kannte ich einen älteren Mann. Wenn er sah, dass sich Buben stritten, rieb er sich vergnügt die Hände, brachte allen ein Rüetli, eine Peitsche oder etwas Knüppelähnliches und sagte: «So, jetzt könnt ihr aufeinander los!» Es kam nie vor, dass einer der Buben auf böse Art zugeschlagen hat. Meistens endete das Spiel so, dass die Buben dem Alten, er war Schmied, bei seiner Arbeit zusahen oder mit Helfen einen Zvieri verdienten.