«Bhüets Gott ond erhalts Gott»

GONTEN. Im Alpstein wird die Tradition des Alpsegens gepflegt und weitergegeben – in Gonten an einem Betruf-Kurs. Er ist der erste seit 30 Jahren und schweizweit einzigartig.

Andrea Krogmann/Kipa
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Ein Senn auf der Alp Sigel beim Betruf Richtung Stauberenkanzel. (Archivbild: Herbert Maeder)

Ein Senn auf der Alp Sigel beim Betruf Richtung Stauberenkanzel. (Archivbild: Herbert Maeder)

Der Betruf ist etwas für Eingeweihte: Niemand unter jenen, die sich an diesem Dienstagabend im «Roothuus» in Gonten eingefunden haben, hört oder ruft den Alpsegen zum ersten Mal. Es sind ein gutes Dutzend Männer und eine Frau. Trotzdem sind sie ins Zentrum für Appenzellische Volksmusik gekommen, um gemeinsam mit Kursleiter Johann Fritsche, auch «Chäpfler» genannt, den Innerrhoder Betruf zu üben – die meisten sogar schon zum zweiten Mal.

«Der Alpsegen ist vermutlich das Traditionellste, was wir in der Volkskultur im Appenzellerland haben, den müssen wir so bewahren, wie er ist», sagt «Roothuus»-Geschäftsführer Joe Manser über das andächtig gesungene Gebet. In anderen Bereichen der Appenzeller Musik, fügt er an, könne und müsse man auch neue Wege beschreiten.

Schweizweit einzigartig

Die Jungen stellen die Hälfte der Kursteilnehmer, der Jüngste mit Jahrgang 1996. Weniger stark vertreten sind Frauen, darüber wird denn auch gerade diskutiert. Dabei hätten seine drei Schwestern den Alpsegen genauso gelernt wie er, sagt Kursleiter Johann. Frauen mit hohen oder sehr feinen Stimmen fehle einfach das nötige Stimmvolumen für den Betruf, meint Mina, die einzige Frau in der Männerrunde – und die einzige Frau in Innerrhoden, die den Alpsegen ruft.

Der Kurs, der an zwei Abenden Bauern und Sennen und anderen Interessierten den Alpsegen näherbringt, ist der erste seit 30 Jahren – und schweizweit der einzige. Schon 1948, nach Einführung der Innerrhoder Fassung, und 1979 drückten Sennen und Nachwuchs die Schulbank, um das traditionelle Abendgebet neu zu lernen oder zu festigen. Für den Appenzeller Tonisep Wyss ist das «einfach wunderbar», wenn man bedenke, dass der Betruf in den Jahren um 1940 «praktisch ausgestorben war». Jetzt höre man ihn auf fast allen Alpen.

Wyss hat sich mit dem Betruf im Alpenraum befasst und eine Sammlung von Texten und Melodien herausgegeben.

Im Zentrum des Kurses steht die praktische Arbeit. Immer wieder singt Johann Fritsche das Sennengebet vor, die Kursteilnehmer singen es nach, zuerst Atemabschnitt um Atemabschnitt, dann zeilen- und abschnittweise, schliesslich den ganzen Betruf.

Singen und Geselligkeit

Schwierig sei die Melodie eigentlich nicht, findet Mathias, «die hat man irgendwann drin». Wichtig sei das gemeinsame Singen. Und die Geselligkeit: Zwischen den Übungen wird «zur Entspannung» eine Runde gejodelt und die eine oder andere Flasche Wein geöffnet.

Daneben wird immer wieder diskutiert über die Feinheiten des Alpsegens. Sie sei froh gewesen, Johann mit seinem Betruf zu hören, gesteht Mina. Zwei Versionen, die sie vorher gehört habe, seien beide anders gewesen als ihre.

Dies habe sie verunsichert. Gleich klingen die Versionen von Johann und Mina trotzdem auch heute nicht: Während Johann vier bis viereinhalb Minuten «seinen» Betruf erschallen lässt, ist Mina schneller. Sie macht weniger Atempausen. «Aber so viel Individualität darf sein», findet Tonisep, «der Herrgott nimmt's auch so.»

Betruf muss Gebet bleiben

Seinen Platz im Alltag auf der Alp hat der Betruf nach getaner Abend, zum Feierabend, da sind sich alle einig.

«Der Betruf ist ein Gebet und darf nicht entfremdet werden», mahnt Tonisep Wyss. «Verkitschen will ich den Betruf nicht, aber ich will ihn können», sagt Tierarzt Tobias, damit er den vom Onkel geerbten Bet-Trichter «in Ehren besitzen» könne. Bauer Johann Koch, 65, hat den Alpsegen noch nie gerufen, «weil ich mit der Melodie unsicher gewesen bin», aber diesen Sommer will er den Betruf auf seiner Alp wagen.

Nach dem Alpsegen, wo auch immer er gerufen wird, darf nicht geklatscht werden «Es ist schliesslich ein Gebet», sagt Johann Fritsche. Und falls einmal ein Tourist zur Unzeit frage: «Können Sie mal dieses Gebet singen?», dann müsse er eben am Feierabend wiederkommen.

Johann Fritsche, genannt «Chäpfler», macht vor, wie der Alpsegen zu rufen ist. (Bild: Andrea Krogmann)

Johann Fritsche, genannt «Chäpfler», macht vor, wie der Alpsegen zu rufen ist. (Bild: Andrea Krogmann)