«Berufe haben hohen Stellenwert»

Jugendliche müssen sich entscheiden, ob sie die Kantonsschule besuchen oder einen Beruf erlernen wollen. Ruedi Giezendanner, Leiter des kantonalen Amts für Berufsbildung, sagt, dass gerade dieses duale System Zukunft hat.

Sabine Schmid
Drucken
Ruedi Giezendanner aus Ebnat-Kappel steht seit 16 Jahren dem kantonalen Amt für Berufsbildung vor. (Bild: Sabine Schmid)

Ruedi Giezendanner aus Ebnat-Kappel steht seit 16 Jahren dem kantonalen Amt für Berufsbildung vor. (Bild: Sabine Schmid)

Herr Giezendanner, können Sie sich erinnern, wie die Berufswahl zu Ihrer Schulzeit vor sich ging?

Ruedi Giezendanner: Ich kann mich nicht erinnern, dass in der zweiten Oberstufe, in welcher der Berufswahlprozess heute hauptsächlich anfällt, ein strukturierter Prozess stattgefunden hat. Da ich in der Folge nach der zweiten Sekundarschule an die Kantonsschule übergetreten bin, weiss ich nicht, ob die Berufswahl in der dritten Sek allenfalls thematisiert wurde.

Waren dann wenigstens Schnupperlehren möglich?

Giezendanner: Das hat es sicher schon gegeben, aber wahrscheinlich war das erst in der dritten Oberstufe aktuell.

Sie sind nun Leiter des kantonalen Amtes für Berufsbildung. Welchen Stellenwert hat die Berufsbildung im Kanton heute?

Giezendanner: Die Berufsbildung hat einen sehr hohen Stellenwert, und zwar sowohl qualitativ als auch quantitativ. Rund drei Viertel der Jugendlichen treten aus der dritten Oberstufe in eine berufliche Grundbildung über. Das ist eine der höchsten, wenn nicht sogar die höchste Quote in der ganzen Schweiz. Aber nicht nur die Zahlen stimmen, sondern auch die Qualität. Wir stellen fest, dass die Ausbildungsbetriebe ein hohes Bewusstsein für die Bedeutung der Berufsbildung haben und hochengagiert Ausbildungsplätze auf einem sehr guten Qualitätsniveau anbieten.

Sie erwähnten die hohe Zahl von Jugendlichen, die eine Berufslehre beginnen. Ist die Quote der Lehrabschlüsse dementsprechend auch hoch?

Giezendanner: Wir verfügen noch nicht über einen Identifikator, mit dem wir den Bildungsverlauf jedes Jugendlichen mit- und nachverfolgen können. Wir wissen aber, dass wir in St. Gallen vergleichsweise wenig Lehrvertragsauflösungen haben und dies konstant über längere Zeit. Hierzu gilt es überdies zu wissen, dass etwa die Hälfte der Jugendlichen, deren Lehrvertrag – aus welchen Gründen auch immer – aufgelöst wird, ohne Unterbrechung ein neues Ausbildungsverhältnis antreten, sei es in einem anderen Lehrbetrieb, auf anderem Niveau im früheren Beruf oder in einem neuen Beruf. Wir verzeichnen im Kanton St. Gallen zudem eine hohe Bestehensquote bei den Qualifikationsverfahren («Lehrabschlussprüfungen»). Sie liegt erfahrungsgemäss zwischen 92 und 94 Prozent. Dass alljährlich sechs bis acht Prozent der Lernenden die Prüfung nicht bestehen, ist ein Zeichen dafür, dass die Qualifikationsverfahren eine echte Hürde darstellen und eine Selektion mit sich bringen.

Man kann also davon ausgehen, dass eine Person mit einem Lehrabschluss im Kanton St. Gallen hohe berufliche Fähigkeiten mit sich bringt.

Giezendanner: Davon kann man sicher ausgehen. Das ist aber nicht nur im Kanton St. Gallen so. Die Berufsbildung ist gesamtschweizerisch reglementiert und normiert. Darum besteht Gewähr, dass ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis in etwa dieselben Fähigkeiten ausweist, unabhängig davon, wo die Ausbildung absolviert wurde. Das eidgenössische Fähigkeitszeugnis ist somit ein Gütesiegel, um auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen.

Sie haben die hohe Anzahl von Berufslernenden im Kanton St. Gallen erwähnt. Auf der anderen Seite setzen sich Politiker dafür ein, die Maturitätsquote im Kanton St. Gallen zu steigern. Wie sehen Sie dieses Spannungsfeld?

Giezendanner: Dieses Spannungsfeld wird immer wieder politisch heraufbeschworen. Für mich ist die Diskussion müssig. Ich erachte es als ebenso verfehlt, politisch Einfluss auf die Maturitätsquote zu nehmen, als es falsch ist, die gymnasiale Ausbildung und die Berufsbildung gegeneinander auszuspielen. Die beiden ergänzen sich und stehen in einer gegenseitigen Wechselwirkung. Ich bin überzeugt, dass die Maturitätsquote im Kanton St. Gallen auch darum so tief ist, weil wir ein sehr gutes Lehrstellenangebot haben. Dies schon seit mehreren Jahrzehnten und auch in Zeiten, als andere Regionen mit Lehrstellenknappheit kämpften. Die duale Berufsbildung hat im Kanton St. Gallen grosse Tradition und ist verwurzelt. So muss im Kanton St. Gallen kaum je ein leistungsfähiger und leistungsbereiter Jugendlicher mangels geeigneter Lehrstelle den Weg über das Gymnasium einschlagen.

Und mit einer Berufslehre verbaut man sich keine Akademikerkarriere.

Giezendanner: Genau. Aus meiner Sicht müsste man statt der Maturaquotendiskussion viel eher betrachten, wie viele junge Leute aus dem Kanton St. Gallen erfolgreich ein Studium abschliessen. Über welchen Weg dies erfolgt, ist zweitrangig. Wer eine Berufslehre und eine Berufsmatura absolviert, kann an der Fachhochschule und mit der Passerelle an der Universität genau zum gleichen Ziel kommen wie jemand mit einer gymnasialen Matura. Aus diesem Grund müsste man das Augenmerk eher auf eine hohe Quote an Abschlüssen auf allen Niveaus legen als nur auf die Maturität. Diese allein sagt noch nichts darüber aus, wer ein Studium beginnt und dieses auch erfolgreich abschliesst.

Wie sehen die Zahlen zur gymnasialen und zur Berufsmatura aus?

Giezendanner: Die gymnasiale Maturitätsquote liegt bei etwa 14,2 Prozent, was die tiefste in der Schweiz ist. Die Berufsmaturitätsquote liegt bei 14,4 Prozent, liegt damit aber praktisch beim schweizerischen Durchschnitt (jeweils Stand 2014). Wesentlicher als die Quoten ist wie erwähnt, ob die entsprechende Matura auch für eine Anschlussbildung genutzt wird. Eine gymnasiale Matura allein ist noch keine Berufsbefähigung. Mit der Berufsmatura hingegen ist die Ausbildung in einem Beruf mit entsprechender Praxiserfahrung verbunden.

Wie weit verbreitet ist die Berufslehre im Toggenburg?

Giezendanner: Das Toggenburg weist in der Regel eine der höchsten Quoten an Schulabgängern auf, die nach der dritten Oberstufe in eine berufliche Grundbildung übertreten. Dies basiert auf einer flächendeckenden Umfrage bei allen Schulabgängerinnen und Schulabgängern der dritten Oberstufe. Wir fragen jeweils Ende Mai, ob die Jugendlichen eine Anschlusslösung haben und wenn ja, welche. Im Kanton St. Gallen waren es 2015 etwa 74 Prozent, die in eine berufliche Grundbildung übertraten. Im Toggenburg lag diese Quote bei etwa 84 Prozent.

Können Sie dies begründen?

Giezendanner: Zum einen ist die Berufsbildung wegen der eher kleinstrukturierten Wirtschaft im Toggenburg besonders gut verankert. Auch in Zeiten, in denen die Wirtschaft weniger florierte, hatten die Jugendlichen im Toggenburg wenig Probleme, einen Ausbildungsplatz zu finden. Dies hängt wohl auch mit dem persönlichen Bezug zwischen den Unternehmern und den Jugendlichen zusammen. Man kennt sich noch eher persönlich als in städtischen Gebieten. Dazu kommt die Verbundenheit vieler Jugendlicher mit traditionellen Berufen, mit dem Handwerk.

Sehen Sie auch Trends, in welche beruflichen Richtungen es die Jugendlichen vor allem zieht?

Giezendanner: Dies werten wir nicht regional aus. Wir wissen auch nicht, wie viele Jugendliche aus dem Toggenburg Lehrstellen in eben dieser Region besetzen. Ein Teil absolviert die Berufsbildung in anderen Regionen und umgekehrt. Die erwähnte Umfrage erheben wir vor allem, um Ende Mai zu wissen, ob die Schulabgänger mehrheitlich eine Anschlusslösung haben oder ob von unserer Seite zusätzliche Gefässe bereitgestellt werden müssen, wie zum Beispiel das Angebot der Vorlehre.

Sie sprachen die Qualität an. Können Sie die Qualität der Berufslehre im Toggenburg beurteilen?

Giezendanner: Mein Blickwinkel ist auf den ganzen Kanton gerichtet, nicht auf eine Region im Speziellen. Die Bestehensquote ist ein Qualitätsindiz. Sie ist, wie erwähnt, stabil hoch. Die Prüfungen werden ja nicht vom Staat abgenommen, sondern von den Experten aus den entsprechenden Berufen. Sie können am besten beurteilen, ob jemand sein Handwerk beherrscht. Ein anderer Qualitätsaspekt der Berufsbildung ist die Frage, wie die Lehrvertragsparteien miteinander umgehen, wie die Lernenden behandelt werden. Dies zeigt sich zum Beispiel in der Auflösungsquote. Lehrverträge werden vereinzelt aufgelöst aufgrund von Fehlverhalten von Lernenden, aber auch von Lehrbetrieben. Im Amt für Berufsbildung erhalten wir durch unsere Ausbildungsberaterinnen und -berater Einblick in das Verhalten von Betrieben und von Lernenden. Über unsere Vermittlungen und Beratungen während der Ausbildungszeit führen wir aber keine Statistik.

Hat Ihr Amt diesbezüglich eine Kontrollfunktion?

Giezendanner: Von Gesetzes wegen haben wir eine Aufsichtsfunktion. Jeder Betrieb, der ausbilden will, muss den Nachweis erbringen, dass er die Voraussetzungen erfüllt, die in der Bildungsverordnung für den entsprechenden Beruf festgelegt sind. Die betrieblichen Voraussetzungen werden von den Experten der Branche darauf geprüft, ob die vorgeschriebenen Arbeitsgattungen und die betriebliche Ausstattung erfüllt sind. Wir im Amt für Berufsbildung prüfen, ob im Betrieb befähigte Ausbildner vorhanden sind, die die nötige Praxis aufweisen und den erforderlichen Kurs für Berufsbildner absolviert haben. Liegt eine Ausbildungsbewilligung vor, so kontrollieren wir weiter, ob die bewilligte Höchstzahl an Ausbildungsverhältnissen nicht überschritten wird und ob die gesetzlichen Vorgaben im Lehrvertrag eingehalten werden, zum Beispiel bezüglich Arbeitszeit und Ferien. Der Lohn hingegen ist nicht gesetzlich geregelt.

Und was passiert während der Lehrzeit?

Giezendanner: Während dem Lehrverhältnis können wir keine flächendeckenden Kontrollen durchführen. Dafür fehlen uns die personellen Ressourcen. Wir haben im Kanton St. Gallen rund 7 000 Lehrbetriebe mit rund 17 000 Lehrverhältnissen. In der zuständigen Abteilung arbeiten sechs Sachbearbeitende, daher sind flächendeckende Kontrollen nicht möglich. Aber jeder Lernende bekommt mit dem Lehrvertrag das Angebot bzw. die Aufforderung, sich mit Fragen und bei Problemen an uns zu wenden. In diesem Sinn beraten wir Lernende, Eltern und Lehrbetriebe, zum Teil auch unter Einbezug der Berufsfachschule. Wir führen Gespräche, vermitteln, beraten und suchen gemeinsam nach Problemlösungen.

Dann sind die Lernenden gut betreut während ihrer Lehrzeit.

Giezendanner: Sie sind gut betreut, wenn sie von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Alle Lernenden werden bei Vertragsabschluss auf unser Angebot hingewiesen. Sie müssen allerdings den Schritt zu uns selber machen. Sie können dabei auf Diskretion zählen. Meine Mitarbeitenden kontaktieren nie über den Kopf der Lernenden hinweg den Lehrbetrieb. Dies erfolgt nur auf Wunsch oder mit Zustimmung der Lernenden.

Wird das duale Bildungssystem in der Schweiz Zukunft haben?

Giezendanner: Davon bin ich überzeugt. Es muss zwar in einem gewissen Sinn flexibler gestaltet werden, zum Beispiel in Bezug auf die Aufteilung zwischen dem betrieblichen und dem schulischen Teil. Grundsätzlich hat aber eine Ausbildung, bei welcher der grösste Teil praxisbezogen in einem Betrieb absolviert wird, gewiss eine gute Zukunft. In der Ausbildung erlernen die Jugendlichen das fachliche Einmaleins. Sie führen während der ganzen Ausbildungszeit Echtaufträge aus, die auf dem Markt bestehen müssen. Das Gipfeli der Bäckerlernenden ist nur dann eine gute Arbeit, wenn es verkauft werden kann. Sehr wichtig ist auch, dass die Jugendlichen gesellschaftlich in die Arbeitswelt integriert werden. Sie erlernen die Umgangsformen in einem Team, mit Kunden, mit Vorgesetzten. Wenn sie die Ausbildung absolviert haben, sind sie vollwertige Arbeitskräfte, da sie bereits über Praxiserfahrung verfügen. Das ist die grosse Stärke unseres dualen Berufsbildungssystems.