Berührende «Winterreise»

Der deutsche Tenor Julian Prégardien und der Schweizer Pianist Ulrich Koella beschenkten das Publikum in Herisau mit einer grossartigen Aufführung von Schuberts «Winterreise».

Ferdinand Ortner
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Künstler mit exzellenter musikalischer Kompetenz und Ausstrahlung. (Bild: fo)

Künstler mit exzellenter musikalischer Kompetenz und Ausstrahlung. (Bild: fo)

HERISAU. In der intimen Atmosphäre der voll besetzten kleinen Casinosäle sorgten die von Sehnen und Hoffen, Schwermut und Verzweiflung geprägten 24 Schubert-Lieder für atemlose Spannung und tiefe Ergriffenheit.

Der Liederzyklus «Die Winterreise» bietet ein «düsteres Seelengemälde mit einigen traumhaft hellen Lichtpunkten». In den aufwühlenden Liedern kann man den aus Liebesschmerz Ver-zweifelten als überhöhte Gestalt des romantischen Menschen erkennen, den die enttäuschten Gefühle in die einsame kalte Winternacht hinaustreiben. Es beherrschen ihn Resignation und Einsamkeit. Von nirgendwo erfährt er, und von niemandem erwartet er Zuspruch und Hilfe.

Hervorragende Interpreten

Die diffizile Aufgabe, diesen vielschichtigen Liederzyklus authentisch und mit berührender künstlerischer Akzentuierung überzeugend zu interpretieren, lösten Sänger und Pianist bravourös. Julian Prégardien setzte zur subtilen Liedgestaltung seinen nuancenreichen klangschönen lyrischen Tenor mit Feingefühl ein. Er beeindruckte sowohl mit Piano-Kultur, klarer Artikulation und verinnerlichter Textdeutung wie auch mit vitaler Ausdruckskraft. Ulrich Koella war ein feinnerviger und sensibel mitgestaltender Partner, der auch prägnante pianistische Akzente setzte. Mit modulationsfähigem Anschlag und perfekter Spieltechnik brachte er im farbigen Klavierpart analog dem Gesangssolisten das Essenzielle der Seelenstimmungen und Naturvorgänge zum beseelten Ausdruck.

Eine schmerzvolle Reise

So konnte man schon beim einleitenden schlichten «Gute Nacht» erahnen, wie ziel- und hoffnungslos der vom treulosen Mädchen Enttäuschte in die Winternacht hinauszieht. Einprägsam gestaltet, folgten als Symbol der Unbeständigkeit die «Wetterfahne» und voll Verzweiflung die «Gefrorenen Tränen» und die gespenstische «Erstarrung», ehe – wie eine Traumvision – der «Lindenbaum» als lichtes Erinnerungsbild erstrahlte. Während sich die «Wasserflut» auf die in den Schnee kullernden Tränen bezog, versank der Wanderer «Auf dem Flusse» – im Gegensatz von seelischem Schmerz und erträumtem Trost – in hoffnungslose Schwermut. Beeindruckend gezeichnet waren im «Rückblick» die Unrast des Fliehenden und sein seliges Erinnern sowie im geheimnisvollen «Irrlicht» der vergebliche Versuch des Aufraffens.

Nach der «Rast» überkam den Wanderer ein trügerischer «Frühlingstraum». Ein Highlight! Reizvoll dann der Kontrast der «Einsamkeit zum Pferdegetrappel bei der Post», dem Beginn des zweiten Teiles.

Lieder des Lebens und der Liebe

Als Sinnbilder auswegloser romantischer Lebensverzweiflung liessen vor allem «Der greise Kopf» und «Die Krähe» aufhorchen, wo der Pianist, wie auch bei der «Letzten Hoffnung», besonders präsent war. Sehr ergreifend gelangen das Nachtstück «Im Dorfe», der Ausbruch des Lebenswillens im «Stürmischen Morgen» und das Trügerisch-Resignierende in der «Täuschung».

Mit dem unerbittlichen «Wegweiser», der zum Friedhof führt, begann das grossartige Finale der «Winterreise». Das in einen satten Klaviersatz eingebettete «Wirtshaus», der rhythmisch kraftgeladene «Mut», die traumhaften «Nebensonnen» als Vision verlorener Liebe sowie der «Leiermann» – ein geniales Lied der Trostlosigkeit – lösten nach Augenblicken tiefer Ergriffenheit begeisterten Beifall aus.