Ausserrhoden
Abgeschossener Waschbär war eine Ausnahme: Fremde Tierarten siedeln sich nur ungern im Appenzellerland an

Invasive Arten sorgen für Negativschlagzeilen. Sie bringen durch starke Vermehrung das Ökosystem aus dem Gleichgewicht, verursachen Krankheiten oder schädigen die Infrastruktur. Der Ausserrhoder Jagdverwalter Heinz Nigg erklärt, warum nicht alle Gegenden gleich betroffen sind.

Karin Erni
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Der aus Nordamerika eingeschleppte Waschbär ist ein geschickter Jäger und kann die einheimische Fauna schädigen.

Der aus Nordamerika eingeschleppte Waschbär ist ein geschickter Jäger und kann die einheimische Fauna schädigen.

Dietmar Nill / wolf@linnea-images.de,SOL

Nicht einheimische Wildtiere dürfen ganzjährig gejagt werden, damit sie sich nicht vermehren können. Diese Tatsache kostete einem in Wasserauen aufgetauchten Waschbären kürzlich das Leben. «Der Abschuss war rechtens, das hätten wir auch so gemacht», sagt der Ausserrhoder Jagdverwalter Heinz Nigg. «Gemäss eidgenössischer Jagdverordnung sind die Kantone verpflichtet, diese Tiere zu erlegen, um die hiesigen Ökosysteme zu schützen. Auch wenn die Waschbären herzig aussehen – es ist nicht das einzelne Individuum, sondern das grosse Ganze, das wir im Auge behalten müssen.»

Schäden durch tierische Einwanderer

Gebietsfremde Arten haben oft nur wenige natürliche Feinde. Sie können sich daher in der neuen Umgebung stark vermehren und bringen das ökologische Gleichgewicht durcheinander. Manche der Fremdlinge übertragen Krankheiten, gegen die einheimische Arten nicht immun sind. Als Beispiel nennt Nigg die eingeschleppten amerikanischen Krebsarten. «Sie tragen die Krebspest mit, gegen welche sie selbst resistent sind. Das ist ein Pilz mit verheerenden Auswirkungen. Er ist in kleinsten Mengen tödlich für unsere einheimischen Edel-, Stein- und Bachkrebse.»

Heinz Nigg, Ausserrhoder Jagdverwalter.

Heinz Nigg, Ausserrhoder Jagdverwalter.

PD

Auch der Mensch kann durch die Ausbreitung gewisser Arten mit Krankheiten angesteckt werden oder wirtschaftlichen Schaden erleiden. Dafür gibt es einige Beispiele: Die aus den Tropen stammende Tigermücke überträgt mehr als 20 Krankheiten auf den Menschen. Der asiatische Laubholzbockkäfer bringt Bäume innert weniger Jahre zum Absterben und verursacht grosse finanzielle und ökologische Schäden. Der eingeschleppte asiatische Marienkäfer hat bereits viele der über 80 einheimischen Arten verdrängt. Er frisst zwar Blattläuse, hat aber eine unangenehme Eigenschaft: Ein Käfer, der in die Weinproduktion gelangt, kann diese mit seinem Geschmack verderben.

Ausserrhoden nicht beliebt bei Einwanderern

Bisamratten und Sumpfbiber schädigen die Dämme von Flüssen.

Bisamratten und Sumpfbiber schädigen die Dämme von Flüssen.

Kenneth Nars / BLZ

In Ausserrhoden sind gemäss Heinz Nigg bisher erst wenige Fälle von tierischen Einwanderern bekannt. Alle paar Jahre gebe es Sichtungen von Waschbären, aber erlegt worden sei noch nie einer. Es gibt aber auch noch andere Kandidaten, die bald auftauchen könnten. Die aus Nordamerika stammende Bisamratte ist im Rheintal bereits weit verbreitet. Sie fällt unangenehm auf, weil sie mit ihren Bauten die Dämme durchlöchert und instabil macht. Sie könnte theoretisch ins Appenzellerland einwandern, sagt Heinz Nigg. «Bisher ist sie aber noch nie nachgewiesen worden.»

Die aus Ostasien stammenden Sikahirsche leben in Schaffhausen und Zürich. Sie werden dort intensiv bejagt. Weil aber immer wieder Exemplare aus Deutschland einwandern, ist eine Ausrottung unmöglich. Bei der Rostgans, einer asiatischen Vogelart, wurde der Zeitpunkt verpasst, sie zu dezimieren. Ihre Bestände nehmen stetig zu und sie nimmt den einheimischen Wasservögeln die Brutplätze weg. Auf dem Sprung in die Schweiz ist das Grauhörnchen, das 2007 in der Nähe der Tessiner Grenze gesichtet wurde. Es schädigt Bäume und könnte die einheimischen Hörnchen gefährden, die kleiner und weniger aggressiv sind.

Landschaft ist attraktiv für Spezialisten

Dass Ausserrhoden kein Hotspot für tierische Zuwanderer ist, begründet Heinz Nigg mit der geografischen Lage und der hügeligen, von tiefen Tobeln durchzogenen Landschaft.

«Wir sind kein Durchzugsgebiet, welches Tiere auf ihren Fernwanderungen ohnehin durchqueren.»

Zudem sei die Landschaft für die meisten Wildtiere nicht leicht durchgängig, so Nigg. «Unsere Lebensräume sind vielfach recht speziell und unsere Bäche haben meist noch Wildbach-Charakter. Dies macht sie nur für Spezialisten attraktiv. Die invasiven Neozoen sind in der Regel Generalisten, welche zuerst Nullachtfünfzehn-Landschaften besiedeln.»

Der geschützte Goldschakal könnte bald vermehrt gesichtet werden.

Der geschützte Goldschakal könnte bald vermehrt gesichtet werden.

Martina Berg

All die genannten Tierarten sind durch Menschenhand nach Europa gelangt. Es gebe aber auch Arten, die natürlich einwandern, sagt Heinz Nigg. «Der in Nordafrika und Kleinasien verbreitete asiatische Goldschakal wird seit den 1980er-Jahren immer mal wieder in der Schweiz gesichtet. Er ist geschützt, und darf nicht gejagt werden.»