APPENZELL: Umstrittener Halbmond: Künstler provoziert gerne

Der Innerrhoder Christian Meier ist einer, der hart provoziert. Denkanstösse sollen nicht runterflutschen wie warme Zuckerbölle. Er hat die Mondsichel auf dem Alpsteingipfel Freiheit installiert.

Monika Egli
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Der Innerrhoder Christian Meier lebt heute in Shanghai, wo er auch die Mondsichel konstruiert hat. (Bilder: pd/Christian Meier)

Der Innerrhoder Christian Meier lebt heute in Shanghai, wo er auch die Mondsichel konstruiert hat. (Bilder: pd/Christian Meier)

APPENZELL. Als Christian Meier 2005 im Rahmen einer Carte blanche für die Appenzeller Zeitung den Artikel "Mis Büsi" schrieb, löste das einen Sturm der Entrüstung aus. Das herzige Kätzchen, knuddelig, mit grossen Augen, eben scheinbar mit Freude erstanden, das in der zweiten Hälfte des Textes unvermittelt brutal erschlagen und mit einem Stein beschwert in den Rhein geworfen wird – das konnten damals zahlreiche Leserinnen und Leser nicht kommentarlos hinnehmen.

Helikopter statt schleppen

Die Mondsichel auf dem Alpsteingipfel Freiheit ist nicht brutal, aber sie polarisiert. In den online-Foren und auf Facebook sind zum Teil erbitterte Diskussionen ausgebrochen. Dass diese Mondsichel dort oben steht und während knapp zweier Stunden pro Nacht leuchtet, erklärt der 38jährige Innerrhoder so: "Wenn ich früher im Alpstein wanderte, fielen mir die Gipfelkreuze sehr negativ auf. Ich wollte ihnen als überzeugter Atheist etwas genauso Absurdes entgegensetzen." So kam vor rund drei Jahren die Idee mit dem Gipfel-Halbmond auf. Sie liess Christian Meier nicht mehr los, reifte heran und hat ihn selber so begeistert, dass er nicht nur sämtliche Materialkosten, sondern schliesslich auch den Transport per Helikopter aus dem eigenen Sack bezahlt hat.

Christian Meier lebt in Shanghai. Dort hat er die Mondsichel samt Gerüst vorbereitet und in die Schweiz gebracht. Das Werk kann zerlegt werden, denn ursprünglich wollte er es selber auf die Freiheit tragen. Ein Probeaufstieg mit einem 25-kg-Rucksack einige Tage vor der Installation – "das letzte Wegstück auf den Gipfel muss man klettern" – hat ihn aber eines Besseren belehrt; er setzte jenen Helikopter ein, der wöchentlich die abgelegenen Berggasthäuser versorgt. "Alleine die beiden Akkus für die Solarpanels wiegen je 30 kg; alles auf den Berg zu schleppen, wäre kaum möglich gewesen."

Bild: Christian Meier
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Ohne Bewilligung aufgestellt

Die Polizei äusserte an anderer Stelle Bedenken. Falls Neugierige die Installation aus der Nähe betrachten wollten, seien Auf- und Abstieg sehr gefährlich. "Jeder muss selber entscheiden, ob er da hinauf klettert oder nicht. Wer auch nur die geringste Ahnung hat, weiss, dass dies mit Turnschuhen nicht geht", sagt Christian Meier. Eine Bewilligung für die Installation hat er nicht eingeholt, denn "dafür erhält man keine Bewilligung". Die Behörde sei bisher aber sehr kulant gewesen und habe ihm Zeit eingeräumt, die Mondsichel, die auf einem provisorischen Gerüst aufgestellt ist, wieder abzutransportieren. "Ob es eine Busse gibt, sehe ich dann."

Mindestens so interessant wie das Erbauen und Installieren der Mondsichel findet Christian Meier die Reaktionen. "Die Geschichten, die sich daraus entwickeln, werden womöglich spannender als die Installation. Es ist so gut wie sicher, dass ich die Reaktionen sammle, verarbeite und etwas daraus mache." Und er fügt an: "Man muss diese Mondsichel in natura sehen. Dieses wilde, schroffe Gebirge und als Kontrast die aalglatte Plastikschale: ein supergeiles optisches Erlebnis."

Christian Meier studierte von 2000 bis 2003 an der Kunstakademie Düsseldorf und von 2003 bis 2005 an der Universität der Künste in Berlin. 2005, als er "Mis Büsi" schrieb, sagte er: "Als freischaffender Künstler gucke ich getrost in eine unsichere Zukunft."