Appenzell Ausserrhoden
Mit einer Bärin gegen den Mythos der Männerlandsgemeinde

Als es 1982 noch immer kein Frauenstimmrecht im Appenzellerland gab, kreierte der Trogener Konzeptkünstler H. R. Fricker seine Bärin Ida Schläpfer. Er kämpfte damit gegen den Mythos der Männerlandsgemeinde - zum Schrecken des Patriarchats.

Margrith Widmer
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Diese Briefmarke sandte der Künstler an sämtliche Postämter in Appenzell Ausserrhoden.

Diese Briefmarke sandte der Künstler an sämtliche Postämter in Appenzell Ausserrhoden.

Bild: PD

Eine Landsgemeinde nur mit Männern? Ein Kantonswappen mit einem aufrecht gehenden Bären mit rotem Penis? Das geht nicht, fand der Trogner Künstler H. R. Fricker. Er schuf deshalb Briefmarken mit einer aufrecht gehenden Bärin mit strahlender Vulva. «Ich ersetzte das männliche Zeichen durch ein weib­liches und erschuf Ida Schläpfer. Die Marken sandte ich an jedes Postamt im Kanton.» Es war Frickers Versuch, einen Gegenmythos einzurichten.

Noch grösser war der Schrecken der Patriarchen, als Fricker Plakate druckte mit der Aufschrift «Gedenkfeier für Ida Schläpfer, 25. April 1982, 11.00 Uhr auf dem Landsgemeindeplatz in Trogen» – dazu ein Bild des Landsgemeindeplatzes voller Männer. Die Plakate wurden vor dem 25. April 1982 im ganzen Kanton ausgehängt. Als für ein neues Regierungsmitglied Vorschläge gemacht werden konnten, rief eine Gruppe von Männern: «Ida Schläpfer». Ida Schläpfer war zugleich Frickers Hommage an Rose Selavie und Anna Blume.

Ida Schläpfer gab es wirklich

«Ida» stand aber auch für «Idee». Erst später entdeckte Fricker, dass in dem ehemaligen Schulhaus in Trogen, in dem seine Familie lebte, früher eine Handarbeitslehrerin namens Ida Schläpfer gewohnt hatte.

Künstler H. R. Fricker

Künstler H. R. Fricker

Bild: APZ

Als die abenteuerliche S-Brücke zwischen Teufen und Haslen abgebrochen und durch eine schnurgerade «moderne» Brücke ersetzt wurde, kämpfte H. R. Fricker wieder mit Briefmarkenbögen – «Sondermarken zum Abbruch der Rotbachbrücke» – gegen den «Appenzeller Brückenmord I» – Nummer II war dann die Hundwilertobelbrücke. Und er schuf blaue Ortstafeln mit der Aufschrift «Ida-Schläpfer-Brücke» – die S-Form der Brücke forderte diese Namensgebung geradezu heraus. Getauft wurde die Brücke anlässlich eines Events mit Wasser aus dem Rotbach.

Ida Schläpfer – Anna Blume

Zu Ida Schläpfer als Hommage an Anna Blume schrieb H. R. Fricker: «Die fiktive Geliebte von Kurt Schwitters gefiel mir seit jeher. Ich näherte mich ihr mutig und anagrammatisierend in den Achtzigerjahren. Aus ‹Anna Blume› ergab sich glücklicherweise ‹Menu Banal›.»

Natürlich passte der Begriff (Kommerz) perfekt zu Schwitters «Merzkunst». Erklärt er doch den angriffigen Umgang mit dem Banalen. Und Fricker weiter: «So wie Schwitters ‹merz› aus ‹Kommerz› herauslöste, verwendete ich den Begriff ‹Menu Banal› für viele Arbeiten, ohne einen direkten Bezug zu Anna Blume herzustellen. Im Tourismuszusammenhang (Networkerbesuche) ernährte ich die Touristen ‹Feed the Tourists› mit ‹Menu Banal›. Werner Küng, ein begnadeter Appenzeller Kletterer, nannte eine Kletterroute am Forscherstein in Wasserauen schlicht ‹Menu Banal›. Und auch die Überraschungsmenus im Restaurant Baratella in St.Gallen hiessen einige Jahre lang ‹Menu Banal›. Als ich in den Achtzigerjahren in Minden Peter Küstermann besuchte, nicht weit von Hannover entfernt, wo Schwitters einst seine Kathedrale des erotischen Elends baute, lud ich, auf einer riesigen Plakatwand, die Passanten zum ‹Menu Banal› im Hotel Merz in Hannover ein. Ein weiter Weg für die Ausserrhoderin Ida Schläpfer.»

Ein weiter Weg war es auch für das Frauenstimmrecht in Appenzell Ausserrhoden. Es dauerte weitere sieben Jahre, bis die Männer am 30. April 1989 Ja zum Frauenstimmrecht sagten. 1994 wählte die Landsgemeinde in Trogen mit Marianne Kleiner und Alice Scherrer gleich zwei Frauen in die Regierung. Die letzte Landsgemeinde in Ausserrhoden fand 1997 in Hundwil statt. Im selben Jahr, im September, schufen die Ausserrhoderinnen und Ausserrhoder die Landsgemeinde in einer Urnenabstimmung ab. «Jetzt sind wir ein ganz gewöhnlicher Kanton», sagte Marianne Kleiner damals.

Eine Initiative zur Wiedereinführung der Landsgemeinde in Ausserrhoden wurde 2010 an der Urne verworfen.