Alpabfahrt Schwellbrunn
«Wenn ich Senn wäre, würde ich auch nicht immer nur Milch trinken»: Betrunkene Sennen lösen bitterböse Diskussion auf sozialen Medien aus

Der Bericht über Sennen in Schwellbrunn, die am «Öberefahre» stockbetrunken gefilmt worden sind, hat auf Facebook eine Flut an Kommentaren ausgelöst. Die Empörung ist gross – allerdings ärgern sich die Leserinnen und Leser nicht alle über das Gleiche.

Christa Kamm-Sager 1 Kommentar
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«Wir leben nicht im ‹Heidi›-Film»: Eine Alpabfahrt ist malerisch, aber das Älplerleben harte Arbeit.

«Wir leben nicht im ‹Heidi›-Film»: Eine Alpabfahrt ist malerisch, aber das Älplerleben harte Arbeit.

Bild: Raphael Rohner

Beim «Öberefahre» in Schwellbrunn waren einige Sennen derart betrunken, dass sie kaum mehr geradeaus gehen konnten. Zuschauer filmten einen Sennen dabei, wie er es kaum mehr schaffte, ein Wiesenbord hochzukraxeln, oder einen anderen, wie er am Strassenrand pinkelte und danach der Gruppe hinterhertorkelte.

Die Aufnahmen der stockbetrunkenen Sennen machten in den sozialen Medien die Runde und wurden auch von diversen Online-Newsportalen thematisiert. Auch bei den Landwirten selber sorgten die betrunkenen Sennen für Gesprächsstoff. So sagt etwa Sepp Inauen, Landwirt aus Gontenbad, in einem Filmbeitrag von TVO, auf dem die Sennen nicht persönlich zu erkennen sind, dass ihn diese Bilder wütend machen würden. «So etwas macht man einfach nicht.» Solche Aufnahmen sehe dann die halbe Welt. Auch andere Bauern seien hässig, weil die schöne Tradition der Alpabfahrt damit in Verruf gebracht werde.

Videobeitrag: TVO

Auf der Facebook-Seite des «Tagblatts» hat der Bericht über die torkelnden Sennen eine Welle der Empörung ausgelöst. Allerdings sind dabei längst nicht alle über das Gleiche empört. Die über 500 Kommentare lassen sich grob in vier Gruppen unterteilen: Es gibt jene, die sich über die betrunkenen Sennen ärgern, weil sie die Betreuungspflicht gegenüber den Tieren nicht wahrnehmen können und eine schöne Tradition verunglimpfen. Dann gibt es jene, die sich darüber aufregen, dass so etwas überhaupt gefilmt und ins Netz gestellt wird, und es gibt solche, die sich über die Medien ärgern, welche dieses Thema aufgreifen. Aber den allergrössten Teil machen jene Kommentare aus, welche die Sennen in Schutz nehmen.

Kritik an Sennen: «Wer Lebewesen betreut, soll das nüchtern machen»

Nicht wenige der über 500 Kommentare auf Facebook äussern Kritik an den Sennen und ihrem Verhalten. So schreibt zum Beispiel ein Landwirt aus dem Bernbiet, er könne nicht gutheissen, wenn Sennen dermassen besoffen seien – «leicht angesäuselt wäre ja noch akzeptabel». Es gehe nicht nur darum, dass einer einen Abhang runterrolle, um dann kaum mehr auf die Strasse zurückzufände. «Diese Leute tragen eine grosse Verantwortung, sie begleiten immerhin eine grosse Anzahl Kühe, Rinder, Kälber, Ziegen, zum Teil werden auch Pferde und Stiere geführt, und das auf öffentlichen Verkehrsrouten.» Wenn man nur schon bedenke, dass auch viele Kinder mitliefen, bestehe eine gewisse Sicherheitsrelevanz, ob die Erwachsenen einigermassen bei Sinnen seien oder nicht.

Ein anderer Kommentar gibt zu bedenken, dass man sich seiner Rolle bewusst sein müsse. «Eine Mutter darf auch etwas Wein trinken nach einem strengen Tag oder zur Entspannung. Doch wenn man eine Mutter mit ihrem Kind an der Strasse sehen würde, an der einen Hand das Kind und in der anderen eine Bierdose, oder sie sähe sichtlich angetrunken aus, wäre man auch nicht begeistert.»

Verantwortungsbewusstsein sehe definitiv anders aus. «Wer Lebewesen betreut, sollte das bitteschön nüchtern machen», kommentiert eine andere Person und erhält für ihren Eintrag viele befürwortende Daumen hoch.

Ein anderer Beitrag geht in dieselbe Richtung:

«Ich finde, diese schöne Tradition sollte nicht zu einem Sauffest verkommen! Die Leute können sich dann wegballern, wenn das Vieh im Stall ist.»

Leider sei das Normalität bei den Sennen oder Bauern, so ein anderer Kommentar. «Das ist keine Werbung für den Tourismus in der Schweiz.» Und eine andere schreibt: «Ich schäme mich als Appenzellerin für das Ganze.»

Jemand wird noch deutlicher in seiner Meinung: «Die Saufbolde saufen genau wie die Silvesterchläuse. Bei denen hat Saufen auf Kosten von anderen auch Tradition. Das ist unter allem Hund.» Wer Schutzbefohlene betreue, solle das nüchtern machen, hält sich ein anderer kurz und knapp in seinem Kommentar.

Kritik am Journalismus: «Das wird von den Medien aufgebauscht»

In den Kommentaren auf Facebook zum Artikel bekommen aber auch Journalisten als Überbringer der Nachricht ihr Fett ab: Man solle dieses Brauchtum nicht in Verruf bringen, heisst es etwa. «Das alles wird von den verblödeten Medien aufgebauscht», ärgert sich jemand in seinem Kommentar. Medienschaffende sollten einmal einen Sommer lang die Sennen filmen, wie sie hart arbeiten.

«Die Schreiberlinge würden schon am ersten Tag schlapp machen.»

«Arme Menschen, die solche Berichte veröffentlichen.» Und: «Das Schlimmste ist, dass man jetzt jeden Senn als Alkoholiker abstempelt», heisst es in anderen Kommentaren. Ein anderer hält sich knapp in seinem Votum: «Ich lese keine Medien, welche billig private Bilder veröffentlichen.»

Schämen sollen sich jene, die auf der Suche nach Fehlern sind und einen «solchen Mist schreiben», äussert sich eine andere Person. «Hoffentlich hatten es die Sennen lustig auf der Alpabfahrt.»

Ihn ärgere es, dass man auf jeder «alten Tradition herumhacken muss». Es seien schliesslich immer diverse Personen an einer Alpabfahrt dabei und niemals seien alle so stark angeheitert wie die gefilmten und fotografierten.

Kritik an Filmern: «Das ist die moderne Pest!»

Nicht gut wegkommt in vielen der Kommentare jene Person, die das Ganze gefilmt hat: «Schämen sollen sich all die Freizeitsheriffs, die meinen, in ihrem Social-Media-Wahn alles und jeden filmen und veröffentlichen zu müssen», schreibt jemand beispielsweise in seinem Kommentar und spricht damit vielen aus dem Herzen. «Das ist die moderne Pest!»

«Filmen und dann ins Netz stellen – habt ihr kein eigenes Leben?», verschafft eine Person in ihrem Kommentar ihrem Ärger Luft. Solange den Tieren nichts passiere, sei doch alles ok. Die Sennen seien wenigstens zu Fuss unterwegs, andere würden betrunken Auto fahren, «das ist viel schlimmer». Eine andere Person fragt sich, ob man solches Videomaterial ohne Zustimmung der gefilmten Person überhaupt so veröffentlichen dürfe. «Ist das nicht gesetzeswidrig?» In einem anderen Votum geht die Kritik in die gleiche Richtung: Das zu filmen, sei schon unterste Schublade. Aber es noch in die Öffentlichkeit zu stellen, gehe gar nicht. «Appenzeller sind halt so. Die waren schon immer etwas Spezielles und ich hoffe, das bleibt auch so.» Was diese Sennen alles leisten würden, das sehe niemand. Nur, was negativ ist, das werde gesehen. Schlimm seien jene, die solche Fotos oder Videos machen und ins Netz stellen würden.

138 zustimmende Likes erhält dieser Kommentar: «Ich bin mir nicht sicher, was schlimmer ist, der übermässige Alkoholkonsum einiger Sennen, oder wenn jemand so etwas filmt und dann auch noch ins Netz stellt.» Man solle hingehen, diese herrliche Tradition anschauen und nur filmen, was sich auch gehört. Dass Sennen bei der Alpabfahrt mal betrunken seien, gebe es wahrscheinlich schon seit Jahren, nur habe es anno dazumal niemanden gegeben, der das alles gefilmt und ins Netz gestellt habe.

«Die Sennen arbeiten hart, lasst sie doch einfach mal einen über den Durst trinken.»

In Grund und Boden schämen sollte sich, wer solche Aufnahmen produziere und veröffentliche, so die Meinung einer anderen Person und eine andere schreibt: «Wer gibt einem das Recht, so etwas zu filmen und auch noch zu veröffentlichen?» Es sollen mal alle vor ihrer eigenen Tür kehren. Öffentliches Blossstellen könne recht teuer werden, gibt jemand zu bedenken, und ein anderer schreibt: «Lasst denen doch mal dieses bisschen Spass.»

Verständnis für die Sennen: «Würde auch nicht immer Milch trinken»

Doch nicht alle kritisieren die Tatsache, dass die Sennen betrunken zur Alpabfahrt gehen. Viele äussern in ihren Kommentaren auch Verständnis dafür. Viel Zustimmung in Form von 366 Daumen hoch erhält beispielsweise diese Person für ihre Meinung, die sie auf Facebook äussert: Leute, die für einen bescheidenen Lohn monatelang, sieben Tage die Woche, bei jedem Wetter arbeiteten und am letzten Tag mal über die Stränge schlagen würden, könne er absolut verstehen. «Nur die wenigsten, die das verurteilen, würden diesen Job für diesen Lohn nur einen Monat durchhalten.»

Ein anderer bläst ins gleiche Horn: Die Frauen und Männer auf der Alp würden etwa 100 Tage zu den Tieren schauen und bei jedem Wetter rund um die Uhr alles geben – Hut ab vor diesen Leuten.

«Davon macht keiner ein Video. Wenn einer aber mal ein Glas zu viel trinkt, sind die Klugscheisser sofort zur Stelle.»

Ein anderer schreibt kurz und bündig: «Wenn ich Senn wäre, würde ich sicher auch nicht immer nur Milch trinken.» Immer wieder mischen sich Menschen in das Leben von anderen ein, drückt sich ein anderer in seinem Kommentar aus. «Sollen doch alle vor der eigenen Tür den Besen schwingen.»

«Wo ist das Problem?», fragt sich eine andere Person. Die Sennen seien ja zu Fuss unterwegs. Da hat es jetzt wohl einigen Flip-Flop-Wanderern das Klischee zerstört, macht sich eine Person in ihrem Kommentar über Hobbywanderer lustig. «Das ist schon seit Generationen so. Wir leben nicht im ‹Heidi›-Film.»

Die Street Parade hinterlasse viel Abfall und Urin. Alkohol und Drogen würden dort im Überfluss konsumiert. Das sei dann aber alles in Ordnung. «Dagegen ist eine Alpabfahrt harmlos.» Warum werde hier so ein Geschrei gemacht?, fragt eine andere Person. «Alkohol ist überall. Viele Arbeiter auf dem Bau oder in den Büros trinken auch Alkohol während der Arbeit.»

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