Neues Theater Dornach
Schön düster: «Der Theatermacher» zelebriert die apokalyptische Einsamkeit

Jonas Darvas hat am Neuen Theater Dornach Thomas Bernhards Stück «Der Theatermacher» inszeniert. In der Hauptrolle spielt sein Vater Georg Darvas. In der Tragikomödie fallen Sein und Schein auseinander.

Thomas Brunnschweiler Jetzt kommentieren
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Der Patriarch schlechthin: Georg Darvas als Napoleon.

Der Patriarch schlechthin: Georg Darvas als Napoleon.

Lucia Hunziker

Der Theatermacher Bruscon ist ein von sich eingenommener Staatsschauspieler, der mit seiner Familie in der Provinz seine Menschheitskomödie «Das Rad der Geschichte» aufführt, deren Höhepunkt und Voraussetzung die absolute Dunkelheit ist. Bruscon ist die Personifikation des gebrochenen Künstlertypus, gescheiterter Künstler und zugleich Patriarch schlechthin.

Ist es Zufall oder Wortalchemie, dass Bruscon anagrammiert «snob cru» ergibt: «brutaler Snob»? Tatsächlich hält der «Geistesmensch» seine Familie und alle anderen Menschen für dumm und weist sie penetrant zurecht. Er vergleicht sich mit Goethe, Schopenhauer und Shakespeare. Man spielt im Tanzsaal des «Schwarzen Hirschen» in Utzbach («Putzbach», so Bruscon), auf einer morschen Bühne. Hier sollen in Bruscons Menschheitskomödie unter anderem Caesar, Churchill, Metternich und Hitler auftreten.

Vom Tyrannen zum Selbstzweifler

Seine in Utzbach gespielte Komödie ist für Bruscon ein Sack vor die Säue geworfener Perlen. Bruscons «dilettantische» Schauspielfamilie bekommt ihr Fett weg. Tochter Sarah «plärrt» ihren Text, statt ihn leicht und andächtig zu sprechen. Sohn Ferruccio wird zurechtgestutzt, weil er den Metternich-Text «ohne spinozistische Tiefe» deklamiert, und Bruscon ärgert sich über die vorgetäuschte Erkältung seiner Frau. Einzig, als der Wirt eine dampfende Frittatensuppe auf die Bühne schiebt, bleibt die Familie von den Schimpftiraden des Tyrannen verschont.

Zwischen allen egomanen Ergüssen sagt Bruscon auch intelligente Dinge, zum Beispiel: «Das Theater ist keine Gefälligkeitsanstalt.» Die Handlung kippt, als Sohn Ferruccio seinen Vater erbarmungslos parodiert. Die Familie verlässt Bruscon. Am Ende ist er allein. Es donnert, blitzt und regnet, der Kirchhof brennt und der Saal ist leer. Der Theaterdirektor ist bis auf die Unterwäsche entkleidet, der Schein wird offenbar. Eine apokalyptische Atmosphäre verbreitet sich. Endzeitliche Einsamkeit.

Sechs Rollen, drei Schauspieler

Jonas Darvas ist es gelungen, Bernhards Stück in die Gegenwart zu holen. Statt der linearen Charakterzeichnung Bruscons erscheint eine Figur, die gegen Ende ihre Hybris verliert und vereinsamt. Georg Darvas, der einen riesigen Text memorieren muss, spielt Bruscons Ambivalenz und Vielschichtigkeit brillant und überzeugend. Der talentierte Hausschauspieler Jonas Gygax hat gleich drei Rollen: Wirt, Ferruccio und Frau Bruscon.

Als Wirt mit Buckel gibt er den stupiden Muster-Utzbacher sehr komisch. Als Ferruccio entwickelt er sich mit körperlicher Leichtigkeit vom devoten zum rebellischen Sohn und als Frau Bruscon bleibt ihm eine eher passive Rolle zugewiesen. Orell Semmelroggen spielt Bruscons Tochter Sarah und die Wirtstochter Erna, die einmal glaubwürdig die Treppe hinunterfällt. Auch mit Semmelroggen sind die Rollen passend besetzt. Die Musik von Xenia Wiener erklingt aus einem computergesteuerten Piano. «Der Theatermacher» kann Theaterfreunden und -freundinnen wärmstens empfohlen werden.

Thomas Bernhard: «Der Theatermacher», Neues Theater Dornach, 3., 4. und 12.11. 2022 um 19.30 Uhr; 13.11. um 18 Uhr.

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