Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 20. Juli 2012, 07:23 Uhr

«Nachdenken stärkt die Identität»

Zoom

Freut sich, den Bundesfeiertag im Thurgau zu verbringen: Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf. (Bild: pd)

REGION. Die Rede an der Bundesfeier in Ottoberg hält Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf (BDP). Im Interview äussert sie sich zum Thurgau als Grenzkanton, zum Thurgauer Lied und zu den Thurgauer SVP-Politikern in Bern.


Frau Bundespräsidentin, warum halten Sie Ihre diesjährige Bundesfeierrede in Ottoberg?

Eveline Widmer-Schlumpf: Der Märstetter Gemeindeammann Jürg Schumacher hat mich eingeladen. Ich verbringe diesen Tag gerne einmal im Kanton Thurgau. Letztes Jahr war ich im Kanton Zürich und im Kanton Bern, vorletztes Jahr im Wallis und im Aargau.

Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie die Begriffe Thurgau und Ottoberg hören oder lesen?

Widmer-Schlumpf: Der Kanton Thurgau ist vielfältig und hat einiges zu bieten. Es ist eine weltoffene und bodenständige Region zwischen dem Grossraum Zürich und Deutschland. Ottoberg als Teil der Gemeinde Märstetten ist mir noch unbekannt. Ich freue mich aber, die Gegend sowie die Einwohnerinnen und Einwohner am 1. August kennenzulernen.

Sie kommen in einen schwergewichtigen SVP-Kanton. Stellt das besondere Anforderungen an Ihren Besuch und Ihre Rede?

Widmer-Schlumpf: Die Anforderungen sind nicht anders als sonst. Bei meinem Besuch am 1. August in der Gemeinde Märstetten stehen denn – wie bei anderen Auftritten auch – die persönlichen Begegnungen mit den Anwesenden im Vordergrund. Im übrigen möchte ich erwähnen, dass die Zusammenarbeit mit den eidgenössischen Parlamentariern, auch der SVP, aus dem Kanton Thurgau konstruktiv und respektvoll ist.

Am 23. September stimmen die Thurgauerinnen und Thurgauer über die Bodensee-Thurtal-Strasse ab, die auch die Gemeinde Märstetten tangieren wird. Wie denken Sie über dieses Strassenprojekt?

Widmer-Schlumpf: Sie werden sicher Verständnis haben, wenn ich mich als Mitglied der Landesregierung nicht zu einer kantonalen Vorlage äussern kann. Das von Ihnen erwähnte Projekt ist mir aber bekannt, ebenso die Argumente der Befürworter und der Gegner.

Der Volksmund sagt, die Schweiz höre in Winterthur auf. Wie denken Sie über diese Aussage?

Widmer-Schlumpf: Diesen Spruch kenne ich; er spielt auch auf die Lage des Thurgaus als Rand- oder Grenzkanton an. Ich komme auch aus einem sogenannten Randkanton; solche Aussagen sind mir daher durchaus bekannt. Wichtig scheint mir, dass man die Anliegen der Randregionen und diejenigen der Zentren nicht gegeneinander ausspielt.

Was bedeutet Ihnen persönlich die Schweizer Landeshymne? Ist sie noch zeitgemäss und der Text noch aktuell?

Widmer-Schlumpf: Für mich hat die Landeshymne einerseits eine kulturelle Bedeutung, andererseits eine identitätsstiftende Rolle. Ich bin mir bewusst, dass der Text für einen Teil der Bevölkerung nicht mehr zeitgemäss ist. Bei anderen aber schafft die Landeshymne das Gefühl der Identität. In der Vergangenheit hat es immer wieder, allerdings erfolglose Versuche gegeben, einen Text zu finden, der diesen beiden Empfindungen Ausdruck verleiht. Ich bin der Ansicht, dass der momentan geltende Schweizerpsalm eine würdige Landeshymne ist.

Kennen Sie das Thurgauer Lied?

Widmer-Schlumpf: Ja, das Thurgauer Lied kenne ich. Wie im Text unserer Landeshymne steht auch in diesem Lied die Heimat im Vordergrund, also das identitätsstiftende Element. Zudem: Beide Lieder sind in derselben Epoche entstanden.

Welches sind die besonderen Anforderungen an Bürgerinnen und Bürger eines Randkantons, wie der Thurgau einer ist?

Widmer-Schlumpf: Die besondere Lage eines Rand- oder Grenzkantons zwingt die Bürgerinnen und Bürger zum Nachdenken, zur Reflexion über die Unterschiede dies- und jenseits der Grenze. Dieses Nachdenken stärkt die Identität. Manch eine Einwohnerin und manch ein Einwohner eines Rand- oder Grenzkantons ist daher wohl bewusster Schweizerin beziehungsweise Schweizer.

Interview: Werner Lenzin



Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



Leser-Kommentare:
keine

Anzeige:

tagblatt.ch / leserbilder

leserbilder.jpg