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Tagblatt Online, 8. August 2012, 01:33 Uhr

Dieser Sommer gehört Molière

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Molière heute: Argante (Claudia Klopfstein), Sylvestra (Sara Hermann) und Geronte (Joe Fenner). (Bild: pd)

Dreimal kommt Molière in die Gegend: «Tartuffe» am Sommertheater Überlingen ist durch, «Der eingebildete Kranke» an den Schlossfestspielen Hagenwil läuft noch, und bald zeigen «Scapins Streiche» auf Schloss Girsberg, dass sich in Neapel seit 1641 gar nicht so viel geändert hat.

DIETER LANGHART

KREUZLINGEN. Sie gewinnen immer, i furbi, die Schlauen, und sie geniessen hohes Ansehen in Neapel, in ganz Italien, das zu einer Gerontokratie verkomme, die ihre Jugend auffrisst und in dubiose Machenschaften treibt. Das sagt ein Andrea Camilleri, der Italiens moralischen Zerfall dem furbismo zuschreibt – das sagt auch Theatermacher und Produktionsleiter Giuseppe Spina, der den grinsenden Kopf Berlusconis auf die Pressemappe zum neuen Sommerstück auf Schloss Girsberg klebt.

Der Diener mogelt sich durch

Nur, was hat Italien mit Molière zu tun und seinem Stück «Scapins Streiche», das 1671 uraufgeführt wurde? Es spielt in Neapel – das passt zum Sommer. Molière ist mit «Scapins Streichen» zur italienischen Komödie zurückgekehrt, zu den Figuren der Commedia dell'arte – das passt zu Simon Engeli und Giuseppe Spina, die bei Dimitri gelernt haben und als Cie. Engel+Dorn Strassen- und Tournéetheater machen.

Sie wollen auf Schloss Girsberg, mit dem sie seit 2009 eng zusammenarbeiten, keine «barocke Kostümklamotte» (Engeli) zeigen, sondern haben nach dem Thema, nach dem Ort gefragt, der in dieser Farce steckt. Den Diener Scapin haben sie neu gestaltet. Bei Molière hilft er zwei Liebespaaren, die sich dem Willen der Eltern widersetzt und heimlich geheiratet haben, aus ihrer vertrackten Lage. Die Liebe siegt über das elterliche Gelddenken, die junge Generation setzt sich gegen die eingerosteten Alten durch – und das passt wiederum gut in unsere Zeit, sagen Engeli und Spina.

Sie verlegen das Stück ins Neapel der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Zwei wohlhabenden Familien gehört eine Gelateria, doch alles ist ein wenig heruntergekommen. «Durch eine Art Filter lässt sich Molière neu sehen», sagt Simon Engeli, der eine Nebenrolle spielt und zusammen mit Andrea Noce Noseda Regie führt. Die Figur des Dieners wird um- und weitergedacht. Er ist nicht mehr nur der Narr, der alles darf und alle durchschaut; er trage auch beängstigende Züge, sagt Noce Noseda, der den Scapin gibt. Er werde zum schlauen Schlitzohr, der Ränke schmiedet und für jene steht, die sich durchmogeln, die über die Runden kommen müssen mit der arte di arrangiarsi, des sich Durchmogelns – das passe eben zum heutigen Italien.

Wie Molière gehen die Theatermacher von der Gegenwart aus, die sich im Bühnenbild und in den Dialogen zeigt. Scapin führt das Eiscafé «Il cigno», Dreh- und Angelpunkt der Handlung.

Kontrast der Jahrhunderte

«Il cigno» heisst auch das Ensemble, das eine weitere Brücke zwischen Molière und Jetztzeit schlägt. Die fünf Musiker der Südwestdeutschen Philharmonie spielen auf historischen Instrumenten – aber nicht nur Barockes, auch moderne Interpretationen italienischer Volksmusik. Die Darsteller singen und spielen – aber nicht alle treten in historischen Kostümen auf.

«Scapins Streiche» ist das erste Stück, das in der Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld entstanden ist. «Unsere Bewährungsprobe» nennt es Simon Engeli. Und streicht die Spielfreude hervor, die «Lust, aus dem vollen zu schöpfen». Die «sommerlich-frohe Produktion zu erschwinglichen Preisen» (Schlossherr Kurt Schmid) wird nach sechs Vorstellungen auf Schloss Girsberg weiterziehen und zwischen Deutschland und der Südostschweiz gastieren.



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