Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 10. Mai 2012, 06:33 Uhr

«Ich verstehe das Theater nicht»

Zoom

Blick vom Balkon auf die Leinwand: Ums Kino Modern ist ein Seilziehen im Gange. (Bild: Reto Martin)

ROMANSHORN. Seit über 25 Jahren ist die heutige Pächterin Rita Coradazzi mit dem Kino Modern in Romanshorn verbunden. Ende November muss sie gehen. Die Gemeinde als Besitzerin der Liegenschaft hat ihr den Vertrag gekündigt. Die 78-Jährige vermutet einen Komplott.

MARKUS SCHOCH

Rita Coradazzi ist aufgelöst. Immer wieder bricht sie in Tränen aus, wenn sie auf die Ereignisse der letzten Monate zu sprechen kommt. «Ich verstehe das ganze Theater nicht», sagt sie. «Ich werde mich mit diesem Entscheid nie abfinden können.»

Mit diesem Entscheid meint sie die Kündigung. Die Gemeinde als Besitzerin der Liegenschaft beendet auf Ende November den Vertrag mit ihr als Pächterin des Kinos Modern. Begründung gemäss Coradazzi: Sie sei nicht bereit, in einen digitalen Projektor zu investieren. «Ich könnte das im Moment nicht bezahlen», sagt Coradazzi. Es ist die Rede von Kosten im Bereich zwischen 140 000 und 170 000 Franken.

Reicht ein Beamer nicht?

Dass sie kein dickes Sparbüchlein habe, sei noch lange kein Grund, sie jetzt auf die Strasse zu stellen, kritisiert Coradazzi. Es sei nicht nötig, sofort auf die neue Technik umzustellen. «Und warum muss es unbedingt ein digitaler Projektor sein? Reicht ein Beamer nicht?», fragt sie sich. Vor einem Jahr hätten sie den Breakdancer-Film «The rising sun» des Romanshorners Fabian Kimoto bei der Premiere auch ab DVD abgespielt. Und niemand habe sich über die schlechte Qualität beklagt.

Sie habe in den letzten 25 Jahren im Kino Modern nicht viel Geld verdient, sagt die frühere Barmaid. Und wenn Ende Monat etwas übriggeblieben sei, habe sie es in den Betrieb investiert, beispielsweise in eine neue Tonanlage oder eine neue Leinwand.

Die Gemeinde habe sich nie gross um das Kino gekümmert. «Ich musste 20 Jahre warten, bis der Saal neu gestrichen wurde.» Sie habe Löcher in der Wand selber geflickt und den Pilz beseitigt, der nach einem Wasserschaden in der Wohnung über dem Kino an der Decke des Foyers gewachsen sei. «Das man mich jetzt nach all dem einfach rauswirft, ist der Hammer», meint Coradazzi, die als Angestellte in der damaligen Videothek im Kino Modern begann.

Gesundheitliche Probleme

Sie wollte eigentlich noch zwei Jahre länger machen, doch fehlt ihr jetzt die Kraft, weiterzukämpfen. Die 78-Jährige ist gesundheitlich angeschlagen. In den Hüften hat sie starke Schmerzen. «Das kann sich niemand vorstellen», sagt sie.

Ihrer schlechten körperlichen Verfassung schreibt sie zu, dass es überhaupt so weit gekommen ist. Sie habe schliesslich eingewilligt, die Schlüssel im Kino abzugeben. «Es blieb mir nichts anderes übrig. Ich wurde regelrecht bedrängt», sagt Coradazzi. «Am Schluss habe ich nur noch geweint.»

Erst nachträglich wurde ihr bewusst, was sie unterschrieben hatte: Gemäss Vertrag hätte sie innerhalb eines Monats das Kino räumen müssen. Das wollte sich Coradazzi nicht bieten lassen. Sie gelangte deshalb an die Mieterschlichtungsstelle mit dem Resultat, dass sie jetzt noch fast bis zum Ende dieses Jahres bleiben kann.

Nur die halbe Wahrheit

Das sei nur die halbe Wahrheit, sagt der zuständige Gemeinderat Peter Höltschi. Zuerst habe Frau Coradazzi von sich aus die Kündigung eingereicht, diese dann aber wieder zurückgezogen. Daraufhin habe ihr die Gemeinde gekündigt, was zur Schlichtungsverhandlung geführt habe. «Wir wollten Sicherheit haben», sagt Höltschi. Um die Digitalisierung sei es nicht gegangen, widerspricht er Coradazzi.

Wer ihr Nachfolger im Kino Modern wird, ist ungewiss. Und auch das macht Rita Coradazzi wütend.

Sie ging immer davon aus, dass dereinst Nedaim Bilali an ihrer Stelle das Kino führen würde. Seit mittlerweile 16 Jahren steht er ihr zur Seite, zuletzt als Geschäftsführer, ohne dafür je einen einzigen Franken verdient zu haben. «Nedaim war immer da, wenn ich ihn brauchte oder wenn es mir nicht gut ging.»

Doch ob Bilali das Kino Modern in die Zukunft führen kann, ist alles andere als sicher. Der bald 32-Jährige hat sich zwar offiziell bei der Gemeinde um die Pacht beworben – der Mazedonier ist aber nicht allein. Der Verein Feines Kino hat ebenfalls sein Interesse angemeldet, das Kino zu übernehmen, wo die Filmfreunde jahrelang zu Gast waren.

Die Gemeinde will demnächst entscheiden, wem sie das Kino künftig vermieten will. Coradazzi fühlt sich hintergangen. «Man will uns rausdrängen.»

Die heutigen Konkurrenten standen sich einst sehr nahe. Der Verein war bis vor kurzem eine lose Interessengemeinschaft, die ab 2001 im Kino Modern Studiofilme zeigte. Beide Seiten profitierten von diesem Modell. Es war mehr als eine reine Zweckgemeinschaft. Vereinspräsidentin Andrea Röst setzte sich vor drei Jahren beispielsweise dafür ein, dass Bilali eingebürgert werden kann. Sie lobte ihn damals als «zuverlässigen Partner und zuvorkommenden Menschen» und machte sich zusammen mit weiteren Personen der Interessengemeinschaft in einem Brief bei der Einbürgerungskommission beziehungsweise dem zuständigen Bundesamt für Bilali stark. Genützt hat es ihm allerdings nichts.

Von Freunden zu Konkurrenten

Von der einstigen Verbundenheit zwischen Röst und Bilali beziehungsweise Coradazzi ist nicht mehr viel geblieben. Anfang dieses Jahres kündigte die Interessengemeinschaft die Zusammenarbeit mit dem Kino Modern wegen «Unwägbarkeiten mit Bilali und Coradazzi» auf. Seit ein paar Monaten zeigt die IG – jetzt als Verein mit festen Strukturen organisiert – ihre Filme mittels Beamer in der Aula der Kantonsschule Romanshorn.

Coradazzi und Bilali betonen: «Unsere Türen stehen dem Verein weiter offen.» Die Zusammenarbeit habe elf Jahre lang funktioniert. «Ich wüsste nicht, warum es jetzt plötzlich nicht mehr gehen sollte», sagt Coradazzi.

Sie müsste es nach Meinung des Vereins eigentlich selber darauf kommen. «Wir haben uns aufrichtig, aber erfolglos um eine gute Zusammenarbeit bemüht», sagt Präsidentin Röst. Gemeinsam mit Coradazzi und Bilali die Zukunft zu planen sei für den Verein nicht mehr möglich. «Die beiden arbeiteten unseren Vorstellungen mehr entgegen, als dass sie ihnen nachkamen.»

Sie würden einen Partner mit Realitätssinn in bezug auf Finanzen und Fachkompetenzen und mit einem vertrauenswürdigen Verhalten brauchen, betont Röst. «Respekt, Fairness und Ehrlichkeit sind für uns unerlässliche Grundwerte des gemeinsamen Arbeitens. Sie machen ein Miteinander erst möglich.»

Inventar an Bilali vermacht

Coradazzi vermutet einen Komplott. Es sei von langer Hand hinter ihrem Rücken geplant worden, sie und Bilali auszubooten, sagt sie. Gemeinderat Höltschi bestreitet das. Die 78-Jährige will seinen Beteuerungen aber nicht glauben. Sie hat darum die Konsequenzen gezogen und das ganze Inventar des Kinos, das sie seinerzeit von ihrem Bruder übernahm, an Bilali vermacht: Leinwand, Stühle, Projektor – einfach alles.

Sie hofft, Bilali damit einen Trumpf bei den Verhandlungen mit der Gemeinde in die Hand gegeben zu haben. Sollte er nicht stechen, wollen sie und Bilali alles rausreissen. Bei dem Gedanken daran kommen Coradazzi wieder die Tränen.



Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



Leser-Kommentare:
3 Beiträge
4Art (10. Mai 2012, 13:17)
Total veraltet

Bitte lasst bei Euren Kommentaren doch die Kirche im Dorf: Fact ist, dass die technische Installation des Kinos auf dem Stand der frühen 70er-Jahre ist - sowohl audio wie bildmässig. Die Tatsache, dass die Schweizer Filmverleiher ab 2013 nur noch D-Cinema-Filme in der Verleih geben, ist seit Mitte 2010 bekannt. Ab diesem Zeitpunkt werden kommerziell nur noch Filme in diesem D-Cinema-Format in 2K oder 4K-Auflösung gezeigt werden können. Kommerzielle Vorführungen von DVD's mit Beamern werden dann nicht mehr möglich sein - die Investition könnte man sich also schenken. Dementsprechend werde die Bezahl-Vorführungen durch IG Feines Kino ab dann ebenfalls illegal. Da es sich beim Moderne um ein eher langes Kino handelt, wären für einen Weiterbetrieb des Kinos ZWINGEND Investitionen für Projektion und Ton in einer Höhe von etwa CHF 150'000.0 - 200'000.00 angesagt. Und das weiss sowohl Herr Bilali als auch Frau Coradazzi schon lange grinsen.

Beitrag kommentieren

unbekannt (10. Mai 2012, 10:28)
die sch............

....politik und all die damit verbundenen seilschaften die in romanshorn gang und gäbe sind, stinken schon längst zum himmel - einer ist dem andern das futter neidig und so wird nach herzenslust integriert und rückenschüsse ausgeteilt - armes dorf am see, wie weit bist du gekommen -

Beitrag kommentieren

Bodenseekapitaen (10. Mai 2012, 07:59)
nicht fair !

Was sich hier die Stadt Romanshorn erlaubt ist einfach unter aller Sau. Mich lassen gewisse Gedanken nicht los, dass man an erster Stelle den Geschäftsführer loshaben will. Auch beim Bodan will man den "Ausländer" aus dem Restaurant haben. Ich hoffe dass Herr Bon sich langsam mal Gedanken darüber macht. Hier geht es um 2 Familienväter die Familien zu ernähren haben und sich wirklich tip top in Romanshorn integriert haben.Das Kino Modern mit dem Geschäftsführer und das Restaurant Bodan haben volle Unterstützung betreffs dem weiterwirken an Ihren Arbeitsplätzen und ich hoffe auch viele weitere Romanshorner ziehen mit.

Beitrag kommentieren

Morgen in der
Frauen und Macht
Ticketpreise Die politischen Türen stehen Frauen mit Ambitionen weit offen. Dennoch ist der Frauenanteil in den Ostschweizer Parlamenten rückläufig. Eine Ursachenforschung.
Jüngste Pfarrerin der Ostschweiz
Kirche Die 27-jährige Sarah Glättli ist Pfarrerin in Erlen. Sie spricht über Festtage, Freizeit und Fundamentalismus.
Unsere Schokoladenseite
Genuss Bläss, Volksmusik, Säntis und Bodensee - Wie die Ostschweizer Confiseure die Ostschweiz versüssen.
Weihnachten im Stadion
Boxing Day Der 26. Dezember ist einer der sportlichsten Tage im Jahr.

Anzeige:

Gewinnspiel Tippen Sie mit

Ostschweizer Trauerportal

tagblatt.ch / leserbilder