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Tagblatt Online, 13. Juli 2012, 06:59 Uhr

«Die BTS ist ein leeres Versprechen»

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Skeptischer Blick: Peter Gubser auf dem BTS-Trassee in Haslen an der Grenze zwischen Egnach und Salmsach. (Bild: Reto Martin)

EGNACH. Die Thurgauer Zeitung hat sich mit Peter Gubser auf eine Wanderung entlang des Trassees der Bodensee-Thurtal-Strasse in der Region Romanshorn gemacht. Unterwegs mit einem, dem Regierungsrat Jakob Stark im laufenden Abstimmungskampf bereits die rote Karte gezeigt hat.

MARKUS SCHOCH

Peter Gubser steht in der Sonne auf einem Feldweg beim Autobahnzubringer Arbon in der Nähe der Landi und schüttelt den Kopf. Vor ihm liegen Obstanlagen, Maisfelder, Äcker und Wiesen mit Hochstammbäumen, in deren Schatten sich Kühe ausruhen. Auf der Verbindungsstrasse zwischen Arbon und Neukirch fahren ein paar Autos vorbei. Sie sind gut zu sehen, aber kaum zu hören.

Wo Gubser steht, soll einst mit dem Bau der Bodensee-Thurtal-Strasse (BTS) begonnen werden, was der Arboner SP-Politiker für einen schlechten Witz hält. Zum Lachen ist ihm allerdings nicht, wenn er daran denkt, wie es hier aussehen könnte, wenn es nicht gelingen sollte, die Pläne von Regierung und Kantonsparlament zu stoppen. «Das macht doch absolut keinen Sinn in dieser Gegend.»

Sorgen macht sich der erfahrene Kampagnenleiter und bekennende Autofahrer nicht nur ums Land, sondern auch um die Leute, an deren Häuser die neue Strasse vorbeiführen soll. «Für die Einwohner von Fetzisloh wäre es wahnsinnig», sagt Gubser und zeigt auf den Weiler am Ende des Weges.

Bedrohte Idylle

Das einzige Fahrzeug dort auf der Strasse ist ein Pferdewagen mit einer Frau auf dem Kutschbock. «Die BTS würde diese Idylle zerstören», sagt Gubser. Damit meint er nicht nur die Strasse, die sich als Betonband über Felder und Wiesen legen würde. «Sie würde auch zusätzlichen Verkehr anziehen und die Bautätigkeit weiter anheizen.»

Besser wäre es deshalb nach Meinung von Gubser und der Umweltverbände, die Verkehrsprobleme schnell und gezielt dort zu lösen, wo sie sich stellen, beispielsweise mit lokalen Umfahrungen und einem Ausbau der bestehenden Strassen. «Zwischen Arbon und Neukirch wäre es etwa ohne weiteres möglich, eine Spur für den Langsamverkehr zu schaffen. Ich frage mich, warum das bis heute nicht passiert ist», sagt Gubser.

Den Rechenspielen des Kantons kann der Lehrer nicht viel abgewinnen. Baudirektor Jakob Stark liess vor ein paar Tagen durchblicken, dass die BTS kein Übel, sondern ein Segen für den grünen Kanton Thurgau wäre. Denn sie werde den Landverbrauch langfristig sogar senken. Die neue Strasse benötige 76 Hektaren, davon 33 Hektaren versiegelte Fläche. Der Kulturlandverlust beim Alternativvorschlag der BTS-Gegner mit lokalen Umfahrungen sei mit 32,5 Hektaren nur unwesentlich kleiner. Vor allem könne er in den Gemeinden neue Begehrlichkeiten für Entlastungsmassnahmen wecken.

Streit um Zahlen

Gubser bleibt ausserhalb von Maihausen stehen. Sein Blick geht auf Obstanlagen links und rechts, die mit einem schwarzen Netz vor Hagel geschützt sind. Dann sagt er mit fester Stimme: «Unsere Berechnungen sind anders.» Mit der BTS allein werde 50 Prozent mehr Land verloren gehen im Vergleich mit dem Alternativvorschlag. Nehme man die OLS dazu, seien es sogar doppelt so viel. Die Bauern hätten das auch gemerkt und sich darum gegen BTS und OLS ausgesprochen, ruft Gubser in Erinnerung. «Das hat mich natürlich gefreut.»

Nach Stockershaus geht es vorbei an Obstkulturen und Christbäumen. Hinter Feldern und Wiesen sind in der Ferne Autos und Lastwagen zu erkennen, die auf der Seestrasse unterwegs sind. Langsam ziehen sie vorbei.

Viele Unternehmer würden sich ein höheres Tempo wünschen, wie es auf der BTS erlaubt wäre. Nur so könne verhindert werden, dass der Oberthurgau wirtschaftlich den Anschluss an die übrige Schweiz nicht verliere, argumentieren sie. Der Zeitgewinn nach Zürich wäre vielleicht fünf Minuten, hält ihnen Gubser entgegen. Das aber auch nur, wenn es zwischendurch nicht irgendwo einen Stau gebe. Mit BTS und OLS stecke man einfach ein bisschen eher fest.

Die BTS sei sowieso bloss ein Versprechen, das sich als leer erweisen könnte, sagt Gubser. Bauen und zahlen müsste die Strasse nämlich der Bund. «Ich kann mir in der aktuellen Situation mit Sparprogrammen auf allen Ebenen nicht vorstellen, dass er bereit wäre, für ein solches Projekt viel Geld auszugeben.» Die Mittel seien knapp geworden und die Probleme beispielsweise in Zürich viel grösser als im Thurgau. Die Nordumfahrung sei ständig verstopft, und auch auf der Westumfahrung stocke der Verkehr mittlerweile des öfteren. «Der politische Verteilkampf wird härter, und die BTS steht sicher nicht zuoberst auf der Prioritätenliste in Bern», ist Gubser überzeugt.

Leidtragende des Seilziehens um die Bundesgelder wären beispielsweise die Anwohner der Hauptdurchgangsstrasse in Bürglen, bedauert Gubser. «Sie müssten noch jahrelang mit dem Lärm vor der Haustüre leben.» Ihnen hätte mit einer lokalen Umfahrung schon längst geholfen werden können, wenn der politische Wille vorhanden gewesen wäre, sagt Gubser.

Der Ton wird gereizt

An der Bahnhofstrasse in Egnach hat ein Bauer ein Schild aufgestellt, auf dem steht, dass er Kirschen verkauft. Ein Plakat zur BTS sucht man vergeblich. «Es ist noch früh», sagt Gubser. Richtig los gehe es erst nach den Sommerferien. «Dann überrollen die Befürworter den Kanton mit einer Propaganda-Lawine.» Dem ehemaligen SP-Kantonalparteipräsident bereitet diese Aussicht keine Sorgen. Mit Geld allein werde der Abstimmungskampf nicht zu gewinnen sein. «Entscheidend sind Emotionen und Kreativität. Und da haben wir viel mehr zu bieten.»

Der Ton ist bereits jetzt gereizt. Gubser wirft dem Kanton eine «böse» Abstimmungskampagne vor. Mit gleich drei Baustellen auf der Thurtalachse versuche Baudirektor Jakob Stark, die Bevölkerung «mürbe zu machen» im Hinblick auf den 23. September, schrieb Gubser unlängst in einem offenen Brief. Der Regierungsrat zeigte ihm dafür kürzlich am Fernsehen die rote Karte. Der Vorwurf habe weder Hand noch Fuss.

Gubser nimmt den Platzverweis gelassen. «Ich mache seit 38 Jahren Politik und bin immer wieder einmal im Kreuzfeuer gestanden.» Die Reaktion beweise, dass er wohl nicht ganz unrecht habe mit seiner Vermutung.

Strasse bleibt Strasse

An der Seestrasse beim Kreisel in Egnach ist viel Verkehr. Über 15 000 Fahrzeuge fahren hier täglich vorbei. Mit der BTS wären es sicher weniger, räumt Gubser ein. «Die Entlastung wäre aber nicht allzu stark.» Denn ein grosser Teil der Fahrten heute sei Ziel- und Quellverkehr, ausgelöst unter anderem durch die vielen Arbeitsplätze in Romanshorn.» Ihn werde die BTS nicht abziehen, trotz Anschluss in Romanshorn, auf den die ganze Linienführung der neuen Strasse in der Region ausgerichtet worden sei. Für Gubser ein schwerer Fehler. Der Verlust an Kulturland sei gross, der Nutzen klein. «Man wollte den Fünfer und das Weggli.» An den in Aussicht gestellten Rückbau von Strassen will Gubser nicht so recht glauben. «Solche Gspässe soll und kann sich der Kanton nicht leisten. Sie wären eine reine Geldmaschine für die Bauwirtschaft.»

«Schön» findet Gubser immerhin, dass der Kanton den Anwohnern entgegengekommen ist, indem er einen Teil der BTS tiefer legt wie im Bereich der nahen Wilenstrasse in Egnach oder beim Schulhaus in Salmsach. «Das zeigt, dass die Verantwortlichen die Menschen ernst nehmen.» Für Gubser sind die Tunnel aber blosse Kosmetik. «Strasse bleibt Strasse.»



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Leser-Kommentare:
2 Beiträge
unangan (13. Juli 2012, 19:18)
«Die BTS würde diese Idylle zerstören»

Ein kleines Beispiel aus der "Region Ostschweiz".
Zur Zeit der Textilindustrie im Raume Toggenburg finanzierte ein "Textilunternehmer die Verbindung von Flawil nach Gossau, um seine Produkte "an den Mann" zu bringen.
Ich kenne diese Strasse aus meinen Jugendjahren... mal zu Fuss.. später mit meinem Auto.
...smile... niemand der Heute diese Strassenverbindung benützt, ist deren "Wirtschaftlichkeit" bewusst.
Nun.. es ist leider so:, dass Transportwege das "A" und "O" der wirtschalftlichen Entwicklung einer Region dienen.
Ausserdem sind Dorfdurchfahrten irgend welchem "Transportes" gerade zu "unsinnig". Sei es für die Dorfbewohner, noch für die "Fahrenden".
Natürlich... zugeteerte Flächen sind immer eine "Verdichtung" der Böden.
Doch... wer ärgert sich, wenn xxxx Bauern mit überschweren Maschinen die Agrarböden verdichten....!!!...
BTS ist nun Mal eine Notwendigkeit zur Erschliessung der "Wirtschaftszone" Thurgau.

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deich (13. Juli 2012, 08:53)
Neuzeit

Gubser muss wissen, dass sämtliche, bereits heute existierenden Strassen im Thurgau einst durch "Kulturland" geführt wurden und zum Kanton beitrugen, seinen Wohlstand zu mehren. Wenn nun die Linienführung von Strassenzügen aufgrund der Verkehrs- und Bevölkerungsentwicklung in wichtigen Teilen einer Neubewertung folgt, die dem Kanton zukünftig weitere Vorteile verschaffen soll, so sind gleichzeitig bestehende Strassenstücke entweder zurück zu stufen, oder sogar ganz aufzuheben. Das schafft neues Kulturland. Zum Teil wurden viel zu viele Strassen quer durchs unbebaute Land mit Asphalt "fahrtüchtig" gemacht. Auch hier müsste eine neue Bündelung diskutiert werden. Beispiel: Nicht jeder Weiler braucht x-Zufahrtsstrassen.

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