Schlafen wie die Zirkusleute

TÄGERWILEN ⋅ Die Gruppenunterkunft Castello besteht seit 1989. Die Gruppe, die sich um die Wagen gekümmert hat, beendet ihr Engagement. Der Gemeinderat sucht nun eine neue Trägerschaft.
08. Februar 2017, 08:02
Nicole D’Orazio
Angefangen hat es mit der Faszination von Matthias Fuchs für Zirkus und Theater. Als junger Primarlehrer zog er 1989 mit seinen Schülern aus Tägerwilen durch den ganzen Kanton und führte mit ihnen ein Theaterstück in Schulen auf. Sie wohnten dabei in zwei alten Zirkuswagen, die in Fronarbeit liebevoll restauriert worden waren. «In dem Jahr wurde der Schulanfang vom Frühling in den Sommer verschoben. Es waren daher einmalig fünf Quartale, und wir Lehrer durften etwas Aussergewöhnliches machen, um diese zu füllen», erzählt er.

Geblieben sind die Zirkuswagen. «Wir haben diese dann schulintern vermietet. Schüler sind mit diesen auch ins Emmental ins Lager.» Das Interesse an der aussergewöhnlichen Gruppenunterkunft sei laufend gestiegen, und es seien immer mehr Wagen hinzugekommen. «Zwei haben wir nach unseren Wünschen bauen lassen. Einen davon mit sanitären Anlagen.»

Die Wagen waren jeweils ausgebucht

Eine Gruppe von Tägerwilern hat sich der Unterkunft Castello angenommen, sich um die Vermietung und den Unterhalt gekümmert – alles ehrenamtlich. Die Wagen standen jahrelang oberhalb des Staudenhofs der Familie Alder. «Von Frühling bis Herbst waren die Wagen jeweils voll vermietet», sagt Fuchs. «Hauptsächlich an Schulklassen oder Vereine wie Pfadi oder Blauring.» In den vielen Jahren sei man auf über 50000 Übernachtungen gekommen. «Es ist ein sehr arbeitsintensives Hobby. Wenn etwas kaputt geht oder nachgeputzt werden muss, muss man zur Stelle sein.» Nach 27 Jahren hat die Gruppe nun den Entschluss gefasst, die Unterkunft nicht mehr zu betreiben. Für dieses Jahr wurden keine neuen Vermietungen abgeschlossen. Die Wagen bleiben vorerst im Winterquartier. «Ich hätte für jeden Wagen Kaufinteressenten», sagt Fuchs.

Der Gemeinderat möchte die Gruppenunterkunft retten. «Wir fänden es schade, die Wagen aus der Hand zu geben», sagt Vizegemeindepräsident Jörg Sinniger. «Wir suchen nun Leute, die gerne längerfristig in einer neuen Trägerschaft mitarbeiten würden.» Gut geeignet wären handwerklich begabte Personen, die auch Traktor und LKW fahren könnten. «Wir suchen aber auch Leute, die die Administration übernehmen.» Die Gemeinde Tägerwilen würde die Wagen kaufen, sie an die Trägerschaft übergeben und auch eine Defizitgarantie für den Betrieb zusichern. «Die Gruppenunterkunft hat für Tägerwilen einen touristischen Wert mit Langzeitwirkung», sagt Sinniger. «Viele junge Leute, die an einem schönen Ort im Lager waren, kommen wieder.» Der Gemeinderat hofft deswegen, dass sich eine neue Gruppe Helfer findet.

Das würde auch Matthias Fuchs freuen. «Es hat mich berührt, dass die Gemeinde den Wert der Unterkunft erkannt hat und sich so einsetzt», sagt er. Er würde der Gemeinde die Wagen zu einem Freundschaftspreis verkaufen. Dieser beläuft sich auf eine höhere fünfstellige Summe.

Infoveranstaltung: Interessenten an einer Mitarbeit in der neuen Trägerschaft sind am Mittwoch, 15. Februar, um 19 Uhr zum Informationsanlass eingeladen. Dieser findet im Konferenzzimmer des Gemeindehauses Tägerwilen statt.


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