Mercerie weicht Mehrfamilienhaus

KREUZLINGEN ⋅ In ihren Filmen erzählt Monica Schär jeweils ein Stück Ortsgeschichte. Im neusten Werk begleitet sie die Veränderungen an der Marktstrasse.
07. Februar 2017, 07:48
Martina Eggenberger

Martina Eggenberger

martina.eggenberger@ thurgauerzeitung.ch

Sie hat uns die Geschichte des Fräuleins Bitsche erzählt. Sie hat die Vergangenheit der Praxis im Klosterhof des Seminars beleuchtet und aufgezeigt, wie sich die Liegenschaft an der Schmittenstrasse 3 mit ihrer Sanierung verändert hat. Monica Schär ist so etwas wie das filmische Gedächtnis der Stadt. Hat ein Objekt ihr Interesse geweckt, dann macht sich die ehemalige Lehrerin an die Arbeit. Sie recherchiert akribisch, interviewt Beteiligte, filmt Stunden. So geschehen zum Beispiel auch bei der Geschichte über die Mercerie Kirchmann, die sie 2009 mit der Kamera ­eingefangen hat. Oder mit dem jüngsten Projekt, das die Fortsetzung der Auflösung des Stoff­ladens bildet. Es befasst sich mit dem Abbruch der Liegenschaft Kirchmann und mit dem Neubau des Mehrfamilienhauses an der- selben Stelle.

Architekturbüro bot Hand für die Fortsetzung

Über den Tante-Emma-Laden der Kirchmanns wollte Monica Schär damals unbedingt «etwas machen». Sie war angetan von dem Kurzwarengeschäft, in dem es alles gab, was man zum Nähen brauchte. All die Stoffe, die vielen Knöpfe, Fadenspulen in allen Farben. Und sie war fasziniert von der Geschichte der Anneliese Köder, die ein halbes Jahrhundert im Laden gearbeitet hatte und die der Filmemacherin Einblicke ins private Archiv gewährt.

Vier Jahre später, 2013: Die Häberlin AG hat das alte Haus gekauft. Es soll weichen und durch einen Neubau ersetzt werden. Der Architekt des Projekts kontaktiert die Filmemacherin und fragt sie an, ob sie die weitere Entwicklung des Areals begleiten wolle. Monica Schär darf mit ihrer Kamera noch einmal in das Abbruchobjekt. Sie leuchtet zusammen mit Urs Neuhauser von der Denkmalstiftung Thurgau auf der Suche nach alten Schätzen mit der Taschenlampe in jede Nische, berichtet über das Entsorgungskonzept, das vom Amt für Umwelt überprüft wird, oder beobachtet Industriekletterer beim ersten Rückbau in luftiger Höhe. Dann beisst die Baggerschaufel zu, und die Mercerie wird in ihre Bestandteile zerlegt.

Nur das Ladenschild hat den Abbruch überlebt

Es folgt eine Baustellenreportage vom Aushub über den Rohbau bis hin zum Innenausbau. Am 1. April 2016 ziehen die ersten Mieter ein.

Über drei Jahre war Monica Schär immer wieder vor Ort, hat mit Planern, Fachleuten und Arbeitern gesprochen. Das Bindeglied zwischen dem älteren Film über die Mercerie und dem neueren Teil über die Entwicklung des Grundstücks bildet übrigens das alte Ladenschild. Es wurde am alten Gebäude vorsichtig abmontiert, aufbewahrt und an der Fassade des neuen Mehrfamilienhauses schliesslich wieder befestigt. Auch wenn die Mercerie mittlerweile der Vergangenheit angehört: Die Erinnerung an den einzigartigen ­Laden bleibt. Auch, weil ihm Monica Schär dieses filmische Denkmal geschaffen hat.

Im Lokalfernsehen:

Die zwei Filme «Es war einmal» und «Veränderungen an der Marktstrasse» werden Freitag bis Sonntag, 18. bis 20. Februar, im Kreuzlinger Fernsehen ausgestrahlt. Dazwischen gibt es ein Interview mit Monica Schär.


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