Nachgefragt

«Ich könnte sie nie im Stich lassen»

21. Januar 2017, 05:36

Der in Kreuzlingen aufgewachsene Sepp Riedener hat während 30 Jahren die Gassenarbeit in Luzern aufgebaut und geleitet. Vor kurzem erhielt er von der Universität Luzern den Ehrendoktortitel für sein Lebenswerk.

Sepp Riedener, wie sind Sie zur Gassenarbeit gekommen?

Nachdem ich in München mein Theologiestudium abgeschlossen hatte, arbeitete ich als Vikar in Oberrohrdorf (AG). Dort entschied ich mich für einen schwierigen Schritt: Ich wollte die Laisierung anstreben.

Laisierung?

So konnte ich weiterhin für die Kirche arbeiten, den beruflichen Schwerpunkt aber auf meine zweite Ausbildung als Sozialarbeiter legen. Ich wollte für die Leute auf der Gasse da sein und ihnen meine Zeit schenken. So begann ich 1985 mit dem Aufbau der Gassenarbeit in Luzern, die damals praktisch inexistent war. Am Anfang kümmerte ich mich vor allem um Drogensüchtige.

Warum wollten Sie für die Leute auf der Gasse da sein?

Ich wuchs in Kreuzlingen selber in bescheidenen Verhältnissen auf. Dadurch empfand ich eine persönliche Betroffenheit mit Randgruppen. Dies verstärkte sich durch meine Ausbildung weiter. Die mitfühlende Art von Jesus inspirierte mich für mein Leben und meinen Beruf.

 

Was empfinden Sie, wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken?

Ich bin überglücklich über meinen Weg! Ich musste niemals mit einem Burn-out kämpfen, obwohl die Arbeit auf der Gasse schwierig war. Ich hatte nie das Bedürfnis, damit aufzuhören. Die Beziehung zu den Menschen, die ich kennen lernen durfte, waren und sind ausgesprochen herzlich. Ich könnte diese Leute einfach nicht im Stich lassen.

Wie ist es, mit einem Ehrendoktortitel ausgezeichnet zu werden? Der Ehrendoktor ist für mich eine Bestätigung, dass ich den richtigen Weg gewählt habe. So ganz gewöhnt habe ich mich an den Titel allerdings noch nicht. (lacht)

Sind Sie immer noch aktiv in der Gassenarbeit?

Mittlerweile bin ich pensioniert. Trotzdem fühle ich mich noch immer mit der Gassenarbeit verbunden. Derzeit bin ich am Aufbau eines Vereins beteiligt, der Strassenprostituierten Hilfe anbietet. (vst)


Leserkommentare

Anzeige: