Leitartikel

Die Strasse der Zukunft hat eine Chance verdient

28. Januar 2017, 09:35

Am 12. Februar entscheiden die Kreuzlinger Stimmbürger über einen Kredit von 2,89 Millionen Franken für die Sanierung und Aufwertung der Romanshornerstrasse zwischen dem Blauhaus-Platz und dem Ziil-Kreisel. Dass es Befürworter, aber auch Gegner gibt, erstaunt nicht. Das Projekt beinhaltet mehrere einschneidende Veränderungen, von denen heute niemand mit Sicherheit voraussagen kann, wie sie in der Praxis funktionieren werden. Eine Strasse, wie sie die Romanshornerstrasse eine werden soll, gibt es so noch nicht. Erstmals überhaupt soll auf einer Thurgauer Kantonsstrasse Tempo 30 gelten – wenn auch auf dem nur kurzen Abschnitt der S-Kurve im Kurzrickenbacher Dorfkern. Autos und Lastwagen teilen sich die massiv schmalere Fahrbahn neu grösstenteils mit den Velofahrern in einem sogenannten Mischverkehr. Statt Leitlinien gibt es Mittelzonen, die das Abbiegen erleichtern. Der Bus hält nicht mehr in Nischen, sondern auf der Strasse. Das Trottoir wird auf zwei Meter verbreitert.

Drei Gruppen gehen als klare Sieger aus dem Strassenprojekt hervor. Erstens und unbestritten sind das die Anwohner. Sie bekommen ein ansprechendes Ortszentrum im historischen Kurzrickenbach, mit neuen Bäumen und optisch schönem Pflasterbelag im Gehwegbereich. Zweitens dürfen sich die Fussgänger auf die Neugestaltung freuen. Sie erhalten im neuen System viel Platz und die heutigen schmalen Gefahrenstellen werden eliminiert. Es wird in Zukunft für jeden möglich sein, durchgehend ungehindert auf dem Trottoir zu gehen, insbesondere auch mit Kinderwagen und Gehhilfen. Dritter Nutzniesser des neuen Betriebskonzepts ist der Bus. Weil er bald nur noch auf der Strasse hält, hat er immer Vorfahrt und kann den Fahrplan mit grösserer Sicherheit einhalten.

Bleiben die Velofahrer und der motorisierte Individualverkehr. Im Idealfall wird die Situation auch für Erstere verbessert. Die Planer und der Interessenverband Pro Velo glauben daran. Es gibt berechtigte Hoffnungen, dass der Mischverkehr und die resultierende Verlangsamung für genügend Sicherheit sorgen werden. Durch das Verkehrskonzept am Boulevard ist dieser den Kreuzlingern auch nicht gänzlich neu. Voraussetzung ist aber, dass die Autofahrer dem Schwächeren gegenüber Rücksicht walten lassen. Zugegeben, der Mischverkehr ist nur für geübte Velofahrer eine Option. Familien mit Kindern werden mit ihren Rädern in den Stosszeiten wahrscheinlich aufs Trottoir ausweichen. Wenn die Neugestaltung von jemandem einen Tribut fordert, dann von den Auto- und besonders von den Lastwagenfahrern. Die Autofahrer verlieren auf der Strecke wegen der Temporeduktion voraussichtlich ein Dutzend Sekunden – wenn sie vor sich den Bus haben, dann wohl mehr. Bei den LKW-Lenkern wird ab und zu etwas Fahrkunst gefragt sein – dann, wenn sie mit einem Kollegen kreuzen müssen. Die Autofahrer, die es eilig haben, werden in Zukunft auf die für den Transit vorgesehene Seetalstrasse ausweichen. Gleiches gilt für die Lastwagen, von denen bereits heute nur wenige die Romanshornerstrasse nutzen.

Alles in allem überwiegen die Vorteile des neuen Betriebs- und Gestaltungskonzepts. Nur weil es ein solches bislang nicht gibt, heisst das nicht, dass es nicht funktionieren kann. Es ist wie mit allem: ab und zu empfiehlt es sich, über den Tellerrand hinaus zu schauen, beziehungsweise zu denken. Die Erfinder der neuen Romanshornerstrasse haben das getan und ein Modell für die Zukunft entwickelt. Das war auf Grund der lokalen Begebenheiten eine Knacknuss, mit dem Resultat der vorliegenden Bestvariante. Ob man es wahrhaben will oder nicht: Der Trend geht klar in eine Richtung. Der Langsamverkehr und der Öffentliche Verkehr bekommen mehr Raum. Nur für entsprechende Konzepte gibt es wie in diesem Fall auch satte Subventionen. Die Autofahrer müssen sich von der Illusion der allzeit freien Fahrt durch die Ortszentren verabschieden.


Leserkommentare

Anzeige: