Das Handicap stoppt ihn nicht

KREUZLINGEN ⋅ Tobias Günter ist Vikar in der Evangelischen Kirchgemeinde. Die Ausbildung zum Pfarrer ist für ihn eine besondere Herausforderung, denn er ist stark sehbehindert.

27. Januar 2017, 16:02
Nicole D'Orazio
Tobias Günter möchte Pfarrer werden. Seit letztem August absolviert er deshalb ein Lernvikariat in der Evangelischen Kirchgemeinde Kreuzlingen. Der 28-Jährige hat dabei mit mehr Problemen als andere zu kämpfen. Denn er ist stark sehbehindert und sieht nur rund 20 Prozent. Davon lässt er sich aber nicht unterkriegen. Er hört hingegen sehr gut. «Ich arbeite mit einem Leseprogramm. Und wenn ich etwas Vorbereiten kann, zum Beispiel einen Gottesdienst oder Religionsunterricht, dann funktioniert das gut», erzählt er am Mittwoch vor den Medien. «Bei der spontanen und direkten Kommunikation habe ich jedoch noch einige Schwierigkeiten und muss noch an mir arbeiten.»

Mit Jugendlichen ist es nicht einfach

Zum Beispiel im Religionsunterricht mit Oberstufenschülern sei es für ihn nicht einfach, den Raum zu überblicken und zu merken, wenn jemand störe. «Ich kenne halt auch die Sprache der Jugendlichen und deren Technologien nicht. Ich bin da auf Hilfe angewiesen.» Auch im Gottesdienst benötige er Unterstützung und hoffe auf die Toleranz der Kirchgänger. Einmal habe er die Leute beim Abendmahl zu früh zurückgeschickt, was ihm sehr unangenehm war und worüber er sich geärgert habe. «Es ist allgemein eine Kunst, das Evangelium zu kommunizieren. Es ist nicht wie im Studium», meint Günter.

Pfarrer Damian Brot ist der Mentor und Betreuer des Vikars. «Ein Theologe ist noch kein Pfarrer», sagt er. In der Schweiz gebe es einen Mangel an Pfarrern, und deren Ausbildung sei in den letzten Jahren stark professionalisiert worden. «Es ist wichtig, fähige Leute zu haben.» Auch er selber muss eine Ausbildung absolvieren, um einen Vikar zu betreuen.

Günter gefällt es in Kreuzlingen. Er freut sich auf die baldige Umsetzung eines eigenen Projektes. «Im Rahmen der Ausbildung gehört es dazu, dass ich mit Freiwilligen ein Projekt durchführe. Es darf aber nichts traditionell Kirchliches wie ein Gottesdienst sein», erzählt er.

Thema Menschenwürde interessiert ihn stark

Mit dem Team des Café-Treffs Philosophie erarbeitet der Vikar nun drei Abende zum Thema Menschenwürde. «Das hat mich bereits im Studium interessiert.» Auch aus seiner Situation heraus würde ihn das Thema ansprechen, sagt der Vikar. «Wo ist es für mich zum Beispiel würdig, Hilfe anzunehmen, wo habe ich Anspruch auf Hilfe oder wo muss ich auf Goodwill zählen? Wo werde ich in meiner persönlichen Freiheit eingeschränkt und wo ist es okay?» Solche Fragen werde man angehen. Auch Damian Brot freut sich auf die Abende. «Wir gehen auch heisse Eisen wie Abtreibung oder Tests im Mutterleib an», sagt er.

Nationalrat Christian Lohr, der wegen einer Contergan-Behinderung im Rollstuhl sitzt, ist Gast am ersten Themenabend am 10. Februar. Es geht um «Menschenwürde – Begriffsgeschichte, Zuschreibungen und problematische Begriffsgrenzen». Beim zweiten Treff am 10. März geht es um die Würde des Menschen und des Tiers und um Überlegungen zu ihrem Verhältnis aus theologisch-ethischer Sicht. Zu Gast ist Christoph Ammann vom Institut für Sozialethik an der Uni Zürich sowie Präsident der Aktion Kirche und Tiere Schweiz. Zum Abschluss ist der Kreuzlinger Imam Nehan Reziri am 19. Mai anwesend. Es geht dann um die Menschenwürde im Islam.


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