Auch ein Amt braucht Spenden

KREUZLINGEN ⋅ Am Weihnachtsmarkt sammelten die Technischen Betriebe Geld für den gesetzlichen Betreuungsdienst der Stadt. Doch wozu braucht dieser Spenden? Leiterin Michaela Jäger Feldmann gibt Einblicke.
03. Februar 2017, 05:36
Annina Flaig

Annina Flaig

annina.flaig

@thurgauerzeitung.ch

Die meisten sind top ausgerüstet. Auch wenn sie zum allerersten Mal auf Skiern stehen. Selbst wenn sie nur knapp dreijährig sind. Skifahren ist aber nicht jedem Kind vergönnt. Es gibt auch solche, die träumen davon, bis sie elf Jahre alt sind. So wie Leon* aus Kreuzlingen. Seine Situation ist beispielhaft für viele der 90 Kinder, die vom gesetzlichen Betreuungsdienst Kreuzlingen – der Berufsbeistandschaft – begleitet werden.

Komprimiert hört sich Leons Lebensgeschichte aus Sicht des städtischen Amtes so an: Leons Mutter ist psychisch krank und alleinerziehend. Sie ist mit der Betreuung ihres Kindes überfordert. Leon verhält sich im Hort auffällig. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) wird beigezogen, und Leon erhält einen Beistand. Das war 2007. Seither wohnt Leon in einer Pflegefamilie. Diese meint es gut mit ihm. Seinem Bewegungsdrang und seiner Begabung für verschiedene Sportarten können seine Pflegeeltern mit den zur Verfügung stehenden Mitteln aber nicht immer gerecht werden.

Nach der Trennung plötzlich in Geldnot

Michaela Jäger Feldmann leitet den gesetzlichen Betreuungsdienst und sagt: «Es gibt auch in Kreuzlingen Kinder, die zu kurz kommen. Das ist vielen nicht bewusst.» Die Mitteilung der Stadt über eine Spende in der Höhe von 7500 Franken von den Technischen Betrieben Kreuzlingen (TBK) hat dem Thema kürzlich Aufmerksamkeit verschafft (unsere Zeitung berichtete). Die TBK-Mitarbeitenden betonten, dass sie den Erlös aus ihrem Stand am Stärnäzauber explizit Kindern aus Kreuzlingen zugute kommen lassen möchten. Deshalb übergaben sie das Geld dem gesetzlichen Betreuungsdienst. «Wir haben uns riesig gefreut», sagt Jäger Feldmann. Der gesetzliche Betreuungsdienst mit fünf Berufsbeiständen ist Teil der Sozialen Dienste. Das städtische Amt ist auch für die Vertragsgemeinden Bottighofen und Lengwil zuständig. Diese beteiligen sich an den Aufwendungen. Im vergangenen Jahr wurden 210 Massnahmen für Erwachsene und 90 für Kinder durchgeführt. Bei letzteren bestehen viele Besuchsrecht-Beistandschaften. Diese werden von der Kesb in Auftrag gegeben, wenn getrennt lebende Eltern schwer zerstritten sind und mit den Besuchsrechten nicht klarkommen. Ihre Klienten kämen aus allen sozialen Schichten, betont Jäger Feldmann. Wer sich wundert, weshalb viele dennoch knappe Budgets haben, demjenigen öffnet sie die Augen: «Gerade nach einer Trennung ist das Geld oft knapp, weil die Eltern unter anderem zwei Wohnungen und für das Kind an beiden Orten ein eingerichtetes Kinderzimmer benötigen. Wenn drei oder vier Kinder da sind, schenkt das auch bei Leuten aus der Mittelschicht ein.»

Einige ihrer Klienten sind Working Poor

Viele Betroffene seien keine Sozialhilfebezüger. Dennoch gebe es Monate, wo das Geld so knapp sei, dass es nicht einmal mehr für Winterstiefel oder Strumpfhosen reiche. Die Rede ist hier von Working Poor. «Diesen Kindern fehlt es oft an Dingen, die für andere selbstverständlich sind.» Hier greift der gesetzliche Betreuungsdienst, der zumeist nicht für die finanzielle Unterstützung seiner minderjährigen Klienten zuständig ist, dankbar auf Spendengelder zurück. Doch diese sind rar. Vielleicht weil kaum einer auf die Idee kommt, einem Amt Geld zu geben. In den 17 Jahren, in denen Jäger Feldmann beim Gesetzlichen Betreuungsdienst arbeitet, ist die Spende der TBK erst die vierte und weitaus grösste, die ins Kässeli fliesst. Weitere Beiträge für spezielle Ausgaben wie zum Beispiel die Kosten für ein Sportlager gibt es von der Pro Juventute oder der Aktion Ostschweizer helfen Ostschweizern (OHO). «Diese muss ich aber beantragen. Und manchmal verstreicht eine Anmeldefrist, bevor ich den entsprechenden Betrag einholen konnte.» Auch in einem solchen Fall würden Spendengelder eingesetzt. Für Leon geht ein Traum in Erfüllung. Er erhält durch die Spende der TBK seine ersehnte Skiausrüstung.

*Name der Redaktion bekannt


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