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Tagblatt Online, 17. Juli 2012, 11:20 Uhr

Missbrauch oder Rufmord?

Fischingen 2012 Zoom

Dunkle Wolken über dem Kloster Fischingen: Das frühere Kinderheim steht unter Beschuss. (Bild: Bilder: Nana do Carmo)

Ein ehemaliger Schüler behauptet, er habe in der Internatsschule des Klosters Fischingen Missbrauch und Folter erlebt. Andere Ehemalige widersprechen und reden von Rufmord. Der angeschuldigte Pater denkt über eine Verleumdungsklage nach.

IDA SANDL

FISCHINGEN. Walter Nowak hatte keine schöne Jugend. Seine Eltern – Österreicher, die in der Schweiz lebten – trennten sich, nachdem er geboren wurde. Der Vater interessierte sich nicht für den Sohn. Die Mutter trank. An ein liebevolles Wort oder eine zärtliche Geste kann er sich nicht erinnern.

Als Walter Nowak sechs Jahre alt war, schob ihn die Mutter ins Kinderheim im Kloster Fischingen ab. Von 1962 bis 1972 lebte er dort. Seine Lehrer und Internatsleiter waren Benediktiner-Mönche des Klosters Engelberg. Es seien die schlimmsten zehn Jahre seines Lebens gewesen, sagt Nowak. Er sei geschlagen worden, missbraucht und gedemütigt.

«Ein Folterknecht»

Detailliert schildert Nowak im «Tages-Anzeiger» sein Martyrium. Der Terror hat einen Namen: Pater St., «Stiefel» genannt. Das sei «ein Folterknecht und Sadist» gewesen, der die Kinder brutal verprügelt und missbraucht habe. So habe er sie beim Duschen mit dem Wasserschlauch geschlagen. Im Winter hätten sie zur Strafe nackt auf dem Klosterhof auf- und abmarschieren müssen. Einmal habe Nowak sogar sein Erbrochenes essen müssen.

Er sei gezwungen worden, eine Nacht auf einem Vierkant-Lineal zu knien. Zehn Tage lang habe man ihn in eine Dunkelkammer gesperrt. Nowak hat das Gefühl, dass sein Peiniger noch lebt, «irgendwo im Thurgau».

«Unglaublicher Rufmord»

Martin Borer ist Gymnasiallehrer in Uster. Er ist entsetzt, als er den Artikel im «Tages-Anzeiger» liest. «Das ist ein unglaublicher Rufmord», sagt er. Auch er war in Fischingen, ein Jahr nach Nowak. Pater St. war sein Lehrer in den naturwissenschaftlichen Fächern und Leiter seiner Internats-Abteilung.

«Hervorragender Lehrer»

Er selbst sei «ein renitenter Bursche» gewesen, sagt Borer. Pater St. habe ihn «mit viel Geduld und pädagogischem Können» auf einen erfolgreichen Lebensweg gebracht. Martin Borer hat promoviert und unterrichtet jetzt seit 30 Jahren. Er könne einen Pädagogen beurteilen, betont er: «Pater St. war ein hervorragender Lehrer.»

Dagegen sei Pater St. nie der gewalttätige, perverse Mensch gewesen, als den Nowak ihn hinstelle. Auch von pädophilen Neigungen weiss Borer nichts: «Als Jugendlicher spürt man sehr genau, wie einen jemand ansieht, mir ist bei Pater St. nie etwas Derartiges aufgefallen.»

Pater St. ist heute 82 Jahre alt und wohnt noch immer im Kloster Fischingen. Unsere Zeitung hat ihn zum Gespräch getroffen. «Ich habe nichts zu verbergen», sagt er. Auch er sei fassungslos gewesen, als er gelesen habe, was er Nowak alles angetan haben soll. Er habe zuerst in alten Klassenfotos nachschauen müssen, um sich überhaupt an Nowak zu erinnern.

Er sei nicht Leiter im Kinderheim gewesen, sondern im Internat der Sekundarschule, stellt Pater St. klar. Nowak habe nur ein Jahr bei ihm auf der Internats-Gruppe verbracht, zwei Jahre habe er den Buben in den naturwissenschaftlichen Fächern unterrichtet.

Keine Erinnerungen mehr

Nowak bestätigt, dass sich seine Schilderungen auf die Zeit in der Sekundarschule beziehen. Allerdings sei Pater St. vier Jahre lang sein Internatsleiter gewesen. An die Zeit im Kinderheim habe er keine Erinnerung mehr.

Pater St. war Biologe. Dass er eine Giftschlange und Vogelspinnen gehalten habe, sei das einzige, was an Nowaks Bericht stimme. Die Tiere seien aber ausserhalb der Unterrichtszeiten gefüttert worden, er habe der Schlange auch nie ein Kaninchen vorgeworfen und schon gar nicht Schüler gezwungen, bei der Fütterung zuzusehen, wie Nowak behauptet.

Wie erklärt er sich Nowaks Hass? Pater St. zuckt mit den Schultern: «Er hat wohl alles, was ihm Schlimmes im Leben zugestossen ist, auf mich projiziert.»

Gesundheitlich angeschlagen

Der ehemalige Schüler Martin Borer hat Pater St. zu einer Verleumdungsklage ermuntert. Der Pater denkt darüber nach. «Ich weiss nicht, ob ich das meiner Gesundheit zumuten kann», sagt er. Er hat einen schweren Herzinfarkt hinter sich und leidet unter Bronchitis.

Ein weiterer ehemaliger Schüler, der anonym bleiben möchte, hat dem Verein St. Iddazell geschrieben. Er lebte von 1969 bis 1972 in Fischingen. Im Brief, der unserer Zeitung vorliegt, heisst es: «Die Anschuldigungen sind nicht nur falsch, sondern zerstören auch die integre Persönlichkeit von Pater St. sowie die damaligen besonderen Leistungen der Klosterschule für Problemkinder.» Sollte das Kloster rechtliche Schritte überlegen, stünde er gerne als Zeuge zur Verfügung.

Martin Borer wird in den nächsten Wochen einen ausführlichen Bericht verfassen, den er an die Schweizer Bischofskonferenz schicken wird. Darin will er beschreiben, wie er Fischingen und Pater St. erlebt hat. Ausserdem sucht er den Kontakt zu weiteren ehemaligen Schülern.

Treffen mit Rechtsanwalt

Walter Nowak Zoom

Der ehemalige Schüler Walter Nowak erhebt schwere Vorwürfe.

Das tut auch Walter Nowak. Es hätten sich bereits Ehemalige bei ihm gemeldet, die seine Aussagen bestätigen. «Alle erinnern sich ausschliesslich an die Machenschaften von Stiefel», sagt Nowak. Er werde sich in nächster Zeit mit drei oder vier Ehemaligen treffen. Auch ein Zürcher Rechtsanwalt hat ihn kontaktiert. Der Anwalt sieht eine Chance, dass Nowak vor dem Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg Recht bekäme. Ende Juli wird Nowak zu ihm fahren.

Er will Schadenersatz

Nowak will vom Kloster Fischingen vor allem eines: finanzielle Entschädigung. Er ist heute 56 Jahre alt und lebt in Bludenz in Vorarlberg. Er macht Fischingen für seine «gescheiterte Existenz» verantwortlich. «Man hat mir mein Selbstwertgefühl und die Eigenliebe total zerstört.»

Als er mit 16 Jahren aus dem Heim entlassen wurde, sei er so gebrochen gewesen, dass er ein halbes Jahr im Bahnhof Bern gelebt habe. Schliesslich schaffte er eine Lehre als Programmierer, heiratet und wird Vater. Er habe sich aber immer beweisen müssen, sagt er heute. Im Sport testete er seine Grenzen aus. Beim Extrem-Skifahren brach er sich den Rücken und ist seither zu 80 Prozent invalid.

Gespräch abgesagt

Der Verein St. Iddazell führte damals das Kinderheim und führt heute das Bildungshaus des Klosters Fischingen. Direktor Werner Ibig hat Nowak ein Gespräch angeboten. Falls gewünscht an einem neutralen Ort. Nowak hat abgelehnt. Seine Geschichte sei bereits von einem Psychologen in 15 Sitzungen als glaubwürdig beurteilt worden. Es sei für ihn eine Tortur gewesen, sagt Nowak.

Ein weiteres Gespräch bringe ihm nichts. «Ich will ihnen wehtun, so wie sie mir weh getan haben.» Nowak ist überzeugt: «Geld ist das einzige, was sie schmerzt.»



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